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Das neue deutsche Kaiserreich
Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse
Mit der Reichsgründung von 1871 erfüllten sich die nationalen Wünsche und Hoffnungen des deutschen Volkes; war doch seit den Freiheitskriegen gegen Napoleon I. das Nationalbewußtsein immer deutlicher hervorgetreten. Die Kaiserproklamation in Versailles - nach dem Sieg über Frankreich 1871 — leitete einen neuen Abschnitt deutscher Geschichte ein. Deutschland wurde rasch außenpolitisch und militärisch zu einer europäischen Großmacht. Im Innern wandelte sich das Land zum modernen Industriestaat. Der Sieg über Frankreich hatte das Selbstbewußtsein der Deutschen gestärkt. Doch diesem neuen Staat lag weniger an der Expansion als an der Erhaltung des Gewonnenen. Zu diesem Ziel bediente er sich einer verzweigten europäischen Bündnispolitik. An die Stelle überlieferter, betont konservativer Gesinnung trat nun liberales Denken. Bei den herrschenden >Nationalliberalen< verband sich der Glaube an den Fortschritt mit dem Bekenntnis zum traditionellen Nationalismus. Neue politische Kräfte betraten die Szene: >Zentrum< und >Sozial-demokraten<. Beide Parteien standen in weltanschaulich entgegengesetzten Lagern. Sie waren sich jedoch einig im Bemühen um die Lösung der sozialen Fragen, die sich mit der Entstehung des Industriestaates einstellten. Und beide beriefen sich auf ihre nationalen Bindungen. Dem Sieg von 1371 folgte die wirtschaftliche Hochkonjunktur der Gründerjahre. Sie überhitzte sich bald: wirtschaftliche Schwierigkeiten waren die Folge. Doch die Basis des Wirtschaftslebens festigte
sich wieder. In den nächsten Jahrzehnten wurde aus dem einstigen deutschen Agrarstaat ein Staat der Arbeiter und Angestellten. Der alte Landadel wurde vom neuen Geldadel abgelöst; Unternehmer, Fabrikanten und Bankiers bildeten eine neue Führungsschicht, in der die Bankiers als Kapitalgeber für industrielle Investitionen die Schlüsselposition innehatten.
Deutschland wurde vom Export abhängig, was eine Verbesserung der Verkehrsverhältnisse nötig machte. Es entstand ein leistungsfähiges Eisenbahnnetz. Großunternehmen bildeten sich; sie gründeten Aktiengesellschaften und ermöglichten dem Großbürgertum durch den Ankauf von Anteilen, am industriellen Besitz und am wirtschaftlichen Gewinn zu partizipieren.
Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse ließen die Großstädte rasch anwachsen. Bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges waren Deutschlands Städte von den Bauten der Gründerzeit geprägt. Eine Grundstücksspekulation großen Ausmaßes blühte und zeigte die andere -gefährliche-Seite des wirtschaftlichen Aufstiegs. Die Entwicklung des Reiches wurde durch keinerlei Katastrophen beeinträchtigt. Zum erstenmal war Deutschland damit ein Wohlstandsland. Selbstzufrieden glaubte das Bürgertum an eine immerwährende Prosperität. Doch die Arbeiter meldeten ihre Forderungen an: sie wollten an den von ihnen geschaffenen Werten beteiligt sein. Noch waren es theoretische Programme, gestützt auf die Wirtschafts- und Soziallehre von Karl Marx. Sie wurde nicht als Glaubensbekenntnis zur sozialistischen Weltrevolution, sondern als Lehrbuch für praktische Reformen verstanden. Die Arbeiter sahen sich als eine eigene Klasse. Im Begriff .Proletarier'
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