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Vorwort
Das vielgestaltige {.eben der Menschen in ein schlüssiges System zwingen zu wollen ist ein ziemlich waghalsiges Unlerl'angen. Wenn man jedoch wissen möchte, wie es um das Lebensgefühl der Menschen früherer Zeilen bestellt war, bleibt kaum ein anderer Weg als der, Äußerungen von Zielsetzungen zu sichten und in eine Ordnung zu bringen, die dem, der Auskunft sucht, ein rasches Aulllnden ermöglicht.
Das gilt gerade auch, wenn man nach dem Leben der «Alten» fragt. Wir sind dabei insofern im Vorteil, als es sich um die Betrachtung einer abgeschlossenen Periode handelt, aus deren Literatur viel und fast nur Bestes auf uns gekommen ist. Und wer will, mag es als einen einengenden Nachteil ansehen, daß wir für die benötigten Auskünfte nahezu ausschließlich auf Schriftliches und überwiegend auf literarisch geformte Texte angewiesen sind.
Wie dem auch sei: es liegt ein schier uferloses Material vor, so daß es auswählen und sich bescheiden hieß. So sind für den vorliegenden Zweck vor allem Texte von Komödiendichtern, Satirikern und Moralisten im weitesten Wortsinn, aber auch Briefe durchforscht worden, so daß Fiktives wie authentisch Biographisches zu Worte kommen.
Die Lebenszeiten dieser Autoren verteilen sich über den Zeitraum von etwa einem Dritteljahrtausend. Da wird es niemanden verwimdern, daß die betrachteten Schriftsteller nicht alle dasselbe dachten, ja vielfach einander widersprachen. Man stelle sich niu- vor, man wollte z. B. den für uns noch einigermaßen vorstellbaren Zeitraum vom Dreißigjährigen Krieg bis heute untersuchen imd könnte zu diesem Zweck etwa Friedrich von Spee mit Eugen Drewermann, Hans Jacob Christof von Grimmelshausen mit Günter Grass, Isaak Newton mit Wernher von Braun, Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein mit Dwight D. Eisenhower, Axel Oxenstierna mit Helmut Kohl diskutieren lassen. Übereinstimmende Äußerungen würde da selbst bei Beschränkung auf das jeweils gemeinsame Fachgebiet kaum jemand im Ernste erwarten. Warum sollte es anders sein, wenn man z. B. einen Plautus (ca. 250 bis 184 V. Chr.) mit Juvenal (ca. 60 bis 140 n. Chr.) konfrontiert? Die Lebensverhältnisse ändern sich im Laufe der Jahrhunderte, ja schon von Jahrzehnten beträchtlich.
Statisch waren sie auch in der Antike nie. Dies muß man sich stets vor Augen halten, da angesichts der steinernen Porträts, die wir von antiken Menschen besitzen, ohnehin eine gewisse Neigung besteht, sie sich alle aus demselben Stoff gemacht und gewissermaßen als aus der gleichen Schulklasse hervorgegangen vorzustellen. Das wäre ein arger Irrtum. Und doch wird, wer sich mit antiken Zitaten befaßt, mit einiger Verblüffung feststellen, daß - allen Vorbemerkungen zum Trotz - eine weilgehende Übereinstimmung der Meinungen über das Leben besteht. Es ändern sich zwar die äußeren Lebensumslände, aber die Gefühle, die den Menschen bewegen, und die Situationen, mit denen er sich herumschlagen muß, bleiben im Grunde die gleichen. Es