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Geschichte der Leipziger »lllustrirten Zeitung«
von
Joachinn Wachtel
Eine schreitende Frau in flatterndem Gewand hält in der erhobenen Rechten einen Spiegel, um das Bild des Weltgeschehens darin einzufangen: so stellte sich der Bildhauer Adolf Lehnert, ganz im Geiste des für Allegorien und Monumentalität so empfänglichen 19. Jahrhunderts, die »Chronik der Zeit« vor. Die Figur des Leipziger Akademieprofessors krönte, zwei Meter hoch und aus Bronze, den Mitteltrakt des 1896 eingeweihten Neubaus des Verlages J. J. Weber in der Reudnitzer Straße 1-7 in Leipzig. Sie thronte, die stattliche, über Redaktions- und Geschäftsräumen, über Setzerei, Buchbinderei und Maschinensälen, Papier- und Holzlagern, Dampfkessel- und Maschinenhaus, über fotografischen, galvanoplastischen und xylographi-schen Ateliers — über einem Verlagsimperium auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung, aus dessen Expeditionsräumen Hunderte von Druckerzeugnissen recht unterschiedlichen Inhalts in die Welt hinausgingen. Das Haus J. J. Weber war 1896 zweiundsechzig Jahre alt, eine Biedermeier-Gründung. Was die Fülle seiner Publikationen, die Prachtbände, die volkstümlichen Lehrbücher, die Reiseführer und das Prunkstück des Unternehmens, die ILLUSTRIRTE ZEITUNG, zu einer Art Verlagspro-gramm einte, war der unerschütterliche Glaube der Besitzer an das menschliche Verlangen nach bildlicher Mitteilung, war der missionarische Eifer, mit dem hier Wissenschaft, Künste und Zeitgeschehen zum Gemeingut der Nation gemacht werden sollten. Wie kein anderer der namhaften Leipziger Verlage jener Tage war der Verlag J. J. Weber durch den millionenfachen Verkauf von Anschaulichkeit reich und mächtig geworden. »Die Phantasie und das Gedächtnis sind die beiden In der jugendlichen Verstandesentwicklung wirksamsten Geisteshebel; und gerade auf diese wirkt das >Bild< durch seine Anschaulichkeit am unmittelbarsten und nachhaltigsten.« Die Anführungsstriche, mit denen das »Bild« hier gleichsam aufs Podest gehoben wird, geben dem nun über hundertjährigen Credo der Illustrierten (aus dem Jahre 1868) seinen Zeitbezug.
Den »illustrierten Weber« nannten Freunde des Hauses dessen Gründer, Johann Jakob. Mit diesem energischen Mann begann in Deutschland das Zeitalter der illustrierten periodischen Literatur. Er gedachte das Geschehen der Gegenwart durch das Nebeneinander von Bild und Wort breiten und größtenteils notdürftig informierten Bevölkerungsschichten auf einprägsame Art verständlich zu machen: darin hatte er, durchaus mit Weitblick und nicht ohne Sendungsbewußtsein, seinen Auftrag als Verleger, aber auch seine geschäftliche Chance gesehen. Maxime seines Schaffens: »Die Illustration als Hebel der Volksbildung.« Bildliche Information war damals noch ein rarer und gesuchter Artikel, Aufklärung tat not, besonders optisch. J. J. Weber durfte sich zu diesen Aufklärern zählen. »Als vor 75 Jahren die erste Nummer der Leipziger ILLUSTRIR-TEN ZEITUNG in meine Hände kam, war ich ein zehnjähriger Gymnasiast, der die bildliche Illustration im Anschauungsunterricht schmerzlich vermißte«, erinnerte sich später der greise Ernst Haeckel.
Mit der Nation gedieh das Blatt — mit der Nation ging es geistig zugrunde: einhundertundzwei Jahrgänge, von 1843 bis 1944, waren ihm beschieden, im 102. blieb das ehrwürdige Unternehmen endgültig stecken. Wechselnde Formate, mal größer, mal bescheidener, und veränderter Umfang künden von Deutschlands Macht und Deutschlands Elend. Insgesamt elf Meter gebundenen Papiers summieren sich zu einer aus der Sicht des nationalbewußten Bür-