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VORWORT
Die Wanderer-Fantasie nimmt im Klavierschaffen Schuberts eine Sonderstellung ein: sie ist zweifellos sein monumentalstes Klavierwerk und gehört zu jenen Werken aus der Krisenzeit 1822 bis 1823, die sich durch ungeheure Gefühlsspannungen, dramatische Kraft und eine straffe, kühne Formgebung auszeichnen. 1822 entstanden, im selben Jahr, in dem Beethoven mit seiner Sonate Op. III den Schlußstein unter sein Sonatenschaffen setzte, weist sie wie kaum ein anderes Werk dieser Zeit weit in die Zukunft und enthält in sich keimhaft die ganze symphonische Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Ihre vier Sätze sind aus einem einzigen thematischen Kern entwickelt, einem rhythmischen Motiv, das dem Lied ,,Der Wanderer" entnommen ist. Eine Zeile dieses Liedes („Die Sonne dünkt mich hier so kalt ") bildet die Basis des ergreifenden zentralen Variationensatzes; daher stammt auch der Titel „Wanderer-Fantasie", der übrigens nicht von Schubert herrührt.' Vielleicht war sich Schubert selbst über das Revolutionäre dieser Schöpfung nicht im klaren; es liegt nicht nur darin, daß, wie bei einer symphonischen Dichtung späterer Zeit, alle Themen mit Ausnahme des ersten Seitenthemas im Scherzo aus einem einzigen „Leitmotiv" entwickelt sind, sondern vor allem auch im souveränen Erschaffen einer neuen Form, in der die klassische symphonische Satzfolge Allegro — Adagio — Scherzo — Finale gleichzeitig den Hauptteilen eines einzigen übergeordneten Sonatensatzes (Exposition — Durchführung — Reprise — Coda) entspricht. Das Adagio wirkt darin wie eine freie Durchführung, das Scherzo hat den Charakter einer variierten Reprise in der Untermediante, und der letzte Allegroteil bringt eine großartige Schlußsteigerung unter Bekräftigung der Grundtonart (ähnlich dem Schlußteil in manchen Beethovenschen Symphonie- oder Sonatensätzen).
Nicht nur in der Form, auch im grandiosen „orchestralen" Klaviersatz ist die „Wanderer-Fantasie" zukunftsweisend und übertrifft darin alles zeit-
genössische Klaviersdiaffen. Die Modernität dieses Klaviersatzes geht in einigen Punkten sogar über Beethoven hinaus und findet im Ausschöpfen aller klanglichen Möglichkeiten des Klaviers, in den kühnen Oktavstellen, die für die damalige Zeit ein völlig neuartiges Spiel aus der Schulter erforderten, erst bei Liszf') ein Äquivalent. Die Tatsache mutet um so wunderbarer an, als Schubert selbst durdiaus kein virtuoser Klavierspieler war.
Es zeugt vom hohen Stand der zeitgenössisdien Kritik, daß die Fantasie unmittelbar nadi ihrem Erscheinen als das Werk eines Meisters anerkannt wurde („Wiener Zeltung", 24. Februar 1823); eine andere Kritik in der ,,Allgemeinen Musikalischen Zeitung" (30. April 1823) ist ebenfalls in begeistertem Ton gehalten, findet aber, daß Schubert in einigen Akkordfortschreitungen „zu weit" gegangen sei.
Die vorliegende Ausgabe gibt dieses Werk erstmalig nach dem Autograph wieder, das erst vor kurzem in den USA wieder auftauchte und früheren Herausgebern anscheinend nicht zugänglich war. Außerdem wurde der 1823 erschienene Erstdruck (Cappi & Diabelli, Wien) zum Vergleich herangezogen. Die rund eingeklammerten und kleingestochenen Zusätze stammen vom Herausgeber.
An dieser Stelle sei auch meinen Freunden Alfred Brendel und Jörg Demus für Mithilfe bei der Revision und für wertvolle Anregungen zu den Fingersätzen wärmstens gedankt.
Paul Badura-Skoda
Liszt ist übrigens nicht nur in seinem Klaviersatz Schubert starte verpfliditet: von seinen intensiven Sdiubertstudien zeugen u. a. die zahlreichen Transkriptionen, darunter audi eine Bearbeitung der „Wanderer-Fantasie" als Klavierkonzert. Sowohl Form von Liszts Symphonischen Diditungen als audi das harmonisdie Prinzip der Terzverwandtschaft gehen direkt auf Sdiubert zurück. Liszt sammehe auch als einer der ersten Material für eine Schubertbiographie, die aber nicht über einige Skizzen hinauswuchs.