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Einleitung
Goethe hat 1827 seinem ältesten Weimarer Duzfreund, dem Prinzenerzieher und Lukrez-Übersetzer Karl Ludwig von Knebel, anläßlich des Vorabdrucks der „Helena'-Partien aus dem „Faust" einen Wink gegeben, wie man sich nach seiner Auffassung dem Werk am erfolgversprechendsten nähern sollte: „Die rechte Art, ihm beizukommen, es zu beschauen und zu genießen, ist die, welche Du erwählt hast: es nämlich in Gesellschaft mit einem Freunde zu betrachten. Überhaupt ist jedes gemeinsame Anschauen von der größten Wirksamkeit; denn indem ein poetisches Werk für viele geschrieben ist, gehören auch mehrere dazu, um es zu empfangen; da es viele Seiten hat, sollte eS auch jederzeit vielseitig angesehen werden.''^ Dieser Hinweis des Dichters darf wohl auch von einem Autor, der sich anschickt, einen Überblick über die Geschichte der Fauststoffbearbeitungen und vor allem erneut eine Interpretation des Goetheschen „Faust" vorzulegen, als Ermutigung aufgefaßt werden, obwohl die Sekundärliteratur vor allem zu Goethes Werk bereits Legion ist. Jedes literarische Kunstwerk wird vom Dichter für den zeitgenössischen Adressaten geschrieben; wenn seine Botschaft aber über die Zeiten Gültigkeit behält und Wirkung erzielt, so deshalb, weil jede Generation in der Dichtung eine neue Aktualität entdeckt und weil jeder Rezipient dem Werk eine individuelle Bedeutsamkeit abgewinnt. Gewiß kann das bei einer Dichtung wie dem „Faust", bei der nach Goethes Meinung dem Leser „zu supplieren genug übrigbleibt"!^], durchaus eine schwierige, wenn auch reizvolle Aufgabe sein, und es mag deshalb dem Rezipien-