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VORWORT Die bezauberte Vernunft
Der Märchenkosmos im Kopfe des deutschsprachigen Liebhabers dieser Gattung ist zu allererst von den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm bestimmt, die seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1812 junge und alte Leser und Hörer begeistert und auch im technischen Zeitalter nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt haben. Mit ihrem naiven Erzählton, dem einfachen Satzbau, den stereotypen Formeln, mit der Unbekümmertheit, mit der das Unwahrscheinlichste als das Naheliegendste dargestellt wird, mit der Selbstverständlichkeit des Wunderbaren, in dem sich alles zu runder Vollständigkeit ergänzt, bieten sie dem Leser eine ganz andere Welt als die, in der er lebt, und doch erkennt er zuletzt in der typisierenden Darstellung immer wieder sich selbst, den eigenen Wunsch nach dem ganz Anderen, der die Märchen ebenso bestimmt, wie das Vergnügen, sie zu lesen oder sie erzählt zu bekommen. Dabei waren die Grimmschen Märchen eigentlich schon zu der Zeit, als sie zum ersten Mal erschienen, im Grunde ein Anachronismus, ihre Etikettierung als »Volksmärchen« eine Fiktion: Eine Erzählform, die ihr wahres Wesen in der Mündlichkeit der Überlieferung hatte, die ihr eigentliches Leben in jenen Zeiten hatte, als das Wunderbare und die Magie im Bewußtsein der Zuhörer noch unbezweifelte Realität hatten; eine Erzählform, die sich mit der Veränderung des Bewußtseins immer auch selber veränderte, wurde bei den Brüdern Grimm festgeschrieben und als gestalteter Text einer Welt konfrontiert, die den Glauben an Wunder weitgehend verloren hatte und in der sich die Scheidung des Realen und des Irrealen als Trennendes ins Bewußtsein eingegraben hatte. Was den Brüdern Grimm als unverfälschte Natur erschien, wurde in dieser Fixierung zum künstlichen Produkt einer der Wirklichkeit entgegengesetzten Phantasie: Fiktion nicht nur vom Darstellungsinhalt sondern auch von der Darstel-