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WALDMÜLLER IM URTEIL DER ZEITEN
Die wechselnden Aspekte bei der kritischen Einordnung des Werkes von Ferdinand Georg Waldmüller sind ein Musterbeispiel für die Tatsache, daß jede Epoche jeweils dasjenige in der Kunst der Vergangenheit „entdeckt", was ihr entspricht, ihren eigenen Bestrebungen entgegenzukommen scheint, und verdammt, was im Pendelschlag der Extreme gerade in der entgegengesetzten Richtung liegt.
So verteufelten die Söhne in der wissenschaftlich historisierenden Spätzeit des 19. Jahrhunderts den naiven Wirklichkeitssinn der biedermeierlichen Vätergeneration. Waldmüller büßte die Publikumsgunst nicht nur deshalb ein, weil die Zeitgenossen — im Durchschnitt rückwärtsgewandt wie immer und überall — hinter seinen kühnen Neuerungen herhinkten und ihn deshalb nicht mehr verstanden, sondern weil inzwischen eben eine neue Generation — die des realistisch gesinnten strengen Historismus — die Führung ergriffen hatte. Arriviertheit, Repräsentationsstreben und Geschichtswissenschaftlichkeit standen dem nur allmählich gewachsenen Selbstverständnis des jungen Bürgertums im frühen 19. Jahrhundert fremd gegenüber.
Erst gegen Ende des Jahrhunderts schien man wieder zu begreifen. Im Jahr 1898 schreibt Hermann Bahr in seinem Essay über die Ausstellung „Fünfzig Jahre österreichische Malerei" einen begeisterten Hymnus auf Waldmüller: „Da ist Einer, der alle Anderen schlägt: der alte Ferdinand Georg Waldmüller. Welche Kraft, welches Leben, welche Sonne! Da ist nirgends die Finsternis der Schule; wie das brennt! Der hat ja damals schon gewußt, was Licht ist, der hat ja damals schon gewußt, was Luft ist! Wir staunen, begreifen es gar nicht, erinnern uns, wann er gelebt und gewirkt hat (1793 bis 1865), können
es kaum glauben, und spüren, daß er einer von den ganz großen Meistern des Jahrhunderts gewesen ist." Bahr erkennt bereits das Fehlurteil der Zwischengeneration und fordert dazu auf, nicht zu vergessen, wie es seinem neuentdeckten Idol ergangen ist. Dazu zitiert er den unvergeßlichen Ludwig Hevesi, der damals „nicht ohne sanfte Bosheit" gesagt hatte, Waldmüller sei der „Ursecessionist von Wien", weil er vor so vielen Jahrzehnten „mit schneidiger Stimme Grundsätze verkündete, die von denen unserer Jungen nicht wesentlich abweichen." Er wußte sehr wohl dessen Gegner beim Namen zu nennen: „Die Führich-Schule fiel über ihn her, M. G. Saphir begeiferte ihn, sein ganzes Leben war von da an ein Kampf gegen den Eigensinn der Stabilitätsmänner". Und Hermann Bahr greift weiter an: „Neben Waldmüller werden alle anderen klein: der süßliche und transparente Amerling, der titanische Rahl, der immer etwas von einem falschen Hercules hat, sogar Gauermann und Danhauser, der doch manchmal an die besten Engländer erinnert; von den entsetzlichen Declamationen der Wurzinger und Rüben gar nicht zu reden." Welche Genugtuung wäre es für Waldmüller gewesen, mit solchen Worten dem allmächtigen und überheblichen Akademiedirektor gegenübergestellt zu werden (R 207).
Die stilistische Einordnung durch Hevesi nimmt auch Arthur Roessler auf und spricht vom „ersten Secessionisten Österreichs". Seinen „Abfall von der dürren Akademik, seine Flucht in die Öffentlichkeit der Natur, ins Naturstudium, in die Luft, in das Licht" nennt er eine „Manet-Tat" und vergleicht die „Beobachtung und Darstellung der Atmosphäre zu einer Zeit, da andere Maler dergleichen in der freien Natur nicht sahen", mit der Kunst des großen englischen Bahnbrechers Constable'. Damals wurde auch für lange Zeit die irreführende Vorstellung von Waldmüller als
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