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Kapitel 1
ERFORSCHUNG DER BINNENGEWÄSSER
In dieser Darstellung eines Hindu-Mythos läßt Gott Schiwa, der mit seiner Frau Parwati auf dem Berg Kailas im Himalaya sitzt, den heiligen Ganges durch seine Haare auf die Erde fließen. In Wirklichkeit jedoch befindet sich die Quelle des Ganges 160 Kilometer weiter westlich, wo der Fluß aus dem Gangotri-Gletscher zum Vorschein kommt.
I^)as angeblich so ruhige und konformistische viktorianische England beherbergte in Wirklichkeit eine ansehnliche Zahl romantischer Feuerköpfe. Diese furchtlosen, neugierigen Männer trieb es aus bloßer Freude am Abenteuer und an der Erweiterung des Wissens auf Entdeckungsfahrt zu den entlegensten Gebieten des Globus. Einige von ihnen beschlossen, die Quelle des Nils zu suchen, und ihr Enthusiasmus bei dieser Suche kannte keine Grenzen.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts war der Nil erst zur Hälfte bekannt. Der östliche Zweig des Oberlaufs, phantasievoll Blauer Nil genannt, entspringt im südöstlichen Zipfel des Tanasees auf einem Hochplateau in Äthiopien. Soviel war 1615 von einem portugiesischen Wanderpriester namens Pedro Paez entdeckt worden. Aber der westliche Zweig des Oberlaufs, der Weiße Nil, war oberhalb der mehr als 1600 Kilometer südlich vom Mittelmeer gelegenen Stadt Khartum, wo er sich mit dem Blauen Nil vereint, praktisch unbekannt. Die Quelle des Weißen Nils blieb unentdeckt und bildete eines der größten geographischen Rätsel der Welt.
Im Jahre 1857 taten sich zwei wagemutige Briten zusammen, um das Geheimnis zu lüften. Sie waren ein ungleiches Team. Richard Francis Burton, mit 36 Jahren bereits ein berühmter Abenteurer, war ein gelehrter und melancholischer Mann, mit „der Stirn eines Gottes", schrieb ein Bekannter, „und dem Mundwerk eines Teufels". John Hanning Speke, sechs Jahre jünger als Burton und als Entdeckungsreisender ein Anfänger ohne jegliche Erfahrungen, war energiegeladen, ehrgeizig und ein geschickter Großwildjäger.
Burton und Speke stellten eine Expedition mit über 100 Trägern zusammen und brachen vom Hafen Sansibar am Indischen Ozean aus auf. Sie folgten der von arabischen Sklavenhändlern zuerst beschrittenen Inlandroute und betraten bald unbekannte Gebiete, in die noch nie ein Europäer seinen Fuß gesetzt hatte. Acht Monate lang ertrugen sie tropische Hitze, kräftezehrende Krankheiten und die ständige Bedrohung durch feindliche Eingeborene. Schließlich aber machten sie eine wunderbare Entdeckung: Sie fanden den Tanganjikasee, den sechstgrößten Süßwassersee der Erde. Doch zu ihrer Enttäuschung floß der einzige Fluß, den sie fanden, nach Süden in den See und konnte folglich nicht der Weiße Nil sein.
Während Burton sich die Zeit nahm, Aufzeichnungen zu machen, drang Speke ungeduldig weiter nach Norden vor. In jener Richtung sollte, wie Speke von einem Araber gehört hatte, ein See liegen, „so breit, daß man nicht hinübersehen konnte, und so lang, daß niemand seine Länge kannte". Speke, der allein reiste, fand den See in weniger als einem Monat und nannte ihn nach Britanniens regierender Monarchin Victoria. Der Victoriasee liegt auf dem Äquator und umfaßt etwa 68 000 Quadratkilometer - die doppelte Fläche seines Nachbarn Tanganjika. Es ist der zweitgrößte Süß wassersee der Erde.
Speke war davon überzeugt, daß der Victoriasee die Quelle des Weißen Nils darstellte. Burton dagegen war skeptisch; schließlich hatte Speke nur den See und
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