Bővebb ismertető
Die menschliche Gestalt kann nicht bloß durch das Beschauen ihrer Oberfläche begriffen werden; man muß ihr Inneres entblößen, ihre Teile sondern, die Verbindungen derselben bemerken, die Verschiedenheiten kennen, sich von Wirkung und Gegenwirkung unterrichten, das Verborgene, Ruhende, das Fundament der Erscheinung sich einprägen, wenn man dasjenige wirklich schauen und nachahmen will, das sich als ein schönes ungetrenntes Ganzes in lebendigen Wellen vor unserem Auge bewegt. Der Blick auf die Oberfläche eines lebendigen Wesens verwirrt den Beobachter, und man darf wohl hier wie in anderen Fällen den wahren Spruch anbringen: Was man weiß, sieht man erst. Denn wie derjenige, der ein kurzes Gesicht hat, einen Gegenstand besser sieht, von dem er sich wieder entfernt, als einen, dem er sich erst nähert, weil ihm das geistige Gesicht nunmehr zu Hilfe kommt, so liegt eigentlich in der Kenntnis die Vollendung der Anschauung.
Goethe, Einleitung in die Propyläen
EINLEITUNG
Die legten Jahrzelmte brachten einen Wandel von Anschauungen und Erkenntnissen, der sich auf nahezu alieGebiete der Kultur erstrecltte. In der Anatomie traten dynamisdi-funktionale Vorstellungsformcn stärker in den Vordergrund. Die Begriffe Form und Funktion erschienen als zwei Pole der Einheit des Körpers. Aufgabe des vorliegenden Buches ist es, diesem neuen Wissen in der Anatomie für Künstler zu entsprechen. Wir bemühen uns hierbei nicht, etwas völlig Unerwartetes zu bringen, das ohne Bindung an unsere Vorgänger sein könnte. Verpflichtend bleibt uns die große Tradition der Kunstanatomie, welche ihre Vorbilder in der Antike, in Dürer und Leonardo, in Schadow und Bourgerie, wie in Richer und Geyer besitzt. Der Verfasser liatte das Glück, bei Richer studieren zu dürfen, dessen Werk er in der Geschichte dieser Wissenschaft als grundlegend ansieht, so wie die Proportionslehren von Geyer. Gerade die Arbeiten der beiden letztgenannten Forscher haben den Anstoß gegeben, dort weiterzuarbeiten, wo diese sich vollendeten. Unsere Methode wird nun die sein, daß wir grundsä^lich bei der Funktion alier anatomischen Gegebenheiten ansehen, um aus ihr die Form abzuleiten, denn Form und Funktion entsprechen einander. Gehen wir also aus von der Fragestellung: Wie muß ein Körper gebaut sein, der diesen und jenen Anforderungen und Aufgaben gewachsen zu sein hat?, so wird uns die Antwort zum Verständnis und zum Sinn der Form führen, auch wenn manclie der gegebenen Begründungen auf eine Nebenursache für deren Entstehen hinweisen. Bei diesem Buche handelt es sich um eine Anatomie für Künstler. Die Arbeitsweise wird somit eine andere sein müssen, als sie zum Beispiel für Mediziner verbindlich ist. Der Künstler erfaßt die Dinge der Welt anschauend, betrachtend, er will das Gegenwärtige, das Gewordene in seinem Sosein begreifen; dem Wissenschaftler geht es vor allem darum, dem Werden seine Gesetze abzulauschen, um sie sich zunutze zu machen. Unsere Aufgabe ist es, dem Künstler mit der geringsten Belastung das anatomische Wissen zu vermitteln, welches für ihn unerläßlich ist. Daher wird im wesentlichen auf entwicklungsgeschichtlidie Begründungen verziehtet. So wie jeder Schaffende über ein bestimmtes handwerkliches Können verfügen muß, um den Anforderungen seines Faches gerecht zu werden, wollen wir dem bildenden Künstler für das Gebiet menschlich-körperlicher Darstellungen und Gestaltungen die nötigen Grundlagen geben. Darüber hinaus wollen wir ihn dem Verstehen von Naturformen überhaupt näherbringen und dadurch seine künstlerischen Möglichkeiten steigern helfen.
Dem Begriff Anatomie haftet für den Künstler oft etwas Lebloses, für ihn wenig Verbindliches an. Frühere Lehrbücher nahmen die Leiche als Vorbild, sie orientierten sich also an Totem und mußten schon dadurch Menschen, denen es um die Bannung des Lebens in der Vielfalt seiner Ersdieinungen geht, im besten Falle als notwendiges Übel erscheinen. Wir ließen dagegen unsere Darstellungen aus der Beschäftigung mit dem lebendigen, möglichst ebenmäßigen Körper entstehen. Beste Sportler der Welt, aber auch hervorragende Werke der bildenden Kunst waren unsere Vorbilder, nach denen unter Zuhilfenahme von Präparaten anatomische Einzelheiten entwickelt wurden.
Die Zeichnungen wollen ein körperliches Vorbild geben, denn der Verfasser empfindet das Streben nach vollkommener Mensdienschönheit als eine ethische Aufgabe. Audi ist der didaktisdie Grund entscheidend, daß man wohl vom Vollkommenen auf das Unvollkommene, nicht aber ohne Sdiwierigkeiten und Irrtümer vom Unvollkommenen auf das Vollkommene sdiließen kann.