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Vorwort
Das Heft .Formen zeitkritischer Prosa' ist zusammengestellt für Arbeitsvorhaben (Semesterkurse) im Deutschunterricht der Oberstufe, die sich mit der Beschreibung und Analyse spezifischer Formen diskursiver und appellativer Prosa befassen.
Zeitkritik, d. h. Kritik an den jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen, gibt es, seit Sprache als Instrument der aktuellen Auseinandersetzung benutzt wird. Zeitkritik zielt auf Veränderung. Stets ging es und geht es darum, das nach Ansicht des Kritikers falsche Verhalten (oder Denken) einzelner Personen, Gruppen, Schichten oder Klassen im Licht implizit oder explizit dargestellter weltanschaulicher, ideologischer oder utopischer Standpunkte zu beschreiben und die Differenz zwischen Norm und kritisierter Wirklichkeit als Spielraum möglicher und notwendiger Veränderung sichtbar zu machen.
Zwar ist auch Dichtung — in allen ihren Gattungen — direkt oder indirekt Zeitgestaltung und Zeitkritik. Das breite Feld dichterischer Zeitkritik jedoch kann und soll in diesem Heft nicht vorgestellt werden; es ist durch die Lektüre von Ganzschriften oder von Lyrik zu ergänzen. Ausgespart sind ferner die — abermals breiten — zeitkritischen Ansätze in philosophischen Systemen (mit Ausnahme der drei Texte von Marx und Bloch, die programmatische und publizistische Bedeutung haben); weitere philosophische Texte einzubeziehen hieße den Rahmen dieses Heftes sprengen.
Das Heft bietet dagegen zeitkritische Literatur, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelt hat. Sie zielt auf Wirkung in der Öffentlichkeit, will Diskussion provozieren und führt in das Feld der Publizistik hinein. Sie entfaltet sich in verschiedenen Formtypen: Erörterung, Essay, Rede, Satire, Aufruf — und liefert Vorformen zu heute verbreiteten medienspezifischen Textarten (wie dem Leitartikel, dem Feuilleton, der Glosse, dem Rundfunkvortrag etc.). Sie bedient sich der Mittel der theoretischen Beweisführung, der emphatischen Beschwörung, der katechetischen Einprägung, des utopischen Entwurfs, aber auch der Satire bis hin zur politischen Karikatur. Diesem Formenspektrum in der sprachlichen Artikulation der Kritik entspricht eine Skala intendierter Wirkungen, die von der Bewußtseinsänderung durch analytisch gewonnene und nachvollzogene Einsicht („Erkenntnis als Widerstand" — Adorno) bis zur vom agitatorischen Aufruf ausgelösten Aktion reichen können. In dem vorliegenden Repertoire zeitkritischer Texte werden diese Pole etwa durch Adornos Vorträge und Essays auf der einen und Büchners ,Hessischen Landboten' auf der andern Seite repräsentiert. Hier gilt einerseits: Je differenzierter die Kritik, desto indirekter und verhaltener scheint der Aktionsappell zu bleiben; je pauschaler sie formuliert ist, desto fordernder treten die sie begründenden Thesen hervor und versuchen, den Leser oder Zuhörer zu überreden. Entscheidend ist jedoch andererseits für die Eigenart und Intensität der sprachlich induzierten Bewußtseinsänderung, wieweit die Textstruktur es dem Leser ermöglicht, die normative Gegenposition zur kritisierten Wirklichkeit mitzukonstruieren oder wieweit sie ihn dazu zwingt, mit der Zustimmung zur Kritik auch die vom Autor offen oder verdeckt angebotenen Lösungen zu übernehmen.
In der Anordnung folgt das Heft im ganzen chronologischen Gesichtspunkten. — Der erste Text ist mögliche Arbeitsgrundlage zur Frage nach einer Theorie der Kritik. Die Texte 2—4 repräsentieren drei Grundformen früher Kritik, die ihre Bedeutung über die 3