Bővebb ismertető
Zur Psychologie Österreichs
«Und am Grabe des Achtzigjährigen muß man es der Welt wie eine Neuigkeit sagen: Ihr kennt den Grillparzer gar nicht! Wie man im Traume die Geister nur von der oberen Hälfte her sieht, so ging von dem ganzen Grillparzer nur eine Hälfte über die Erde: die andere Hälfte ist niemals gesehen worden! Grillparzer packte seine großen Fähigkeiten und starken Leidenschaften zusammen, sperrte sie in die Schublade und steckte den Schlüssel zu sich. Vorsicht ist der Tapferkeit besserer Teil Es ist, als ob sich ein Byron - zu einem Matthisson umdichtete! Ein Phänomen ohnegleichen und nur in Österreich möglich! Zur Psychologie Österreichs ist die Biographie Grillparzers unentbehrlich. Man wird diese Biographie jedenfalls schreiben, aber verdorren soll die Hand, die nicht ihre ganze Wahrheit schreiben wird!»1
So schrieb der österreichische Schriftsteller und Literaturkritiker Ferdinand Kürnberger - zwei Tage nachdem Grillparzer am 21. Januar 1872 gestorben war. Die vertrackte Psychologie Österreichs hatte Kürnberger, den Demokraten von 1848, zu dieser Zeit schon in die Arme der preußischen Machtpolitik getrieben. Dennoch gilt seine Forderung an den Biographen, die versperrten Schubladen Grillparzers wieder aufzuschließen und die verheimlichte, kaum gesehene Hälfte seiner geistigen Physiognomie der offiziellen Persönlichkeit anzufügen. Mögen sie noch so sehr auseinanderklaffen, gerade aus ihren Widersprüchen läßt sich die epochale und literarische Bedeutung Grillparzers gewinnen - und von den Widersprüchen läßt sich lernen.
Franz Kafka fand in Grillparzers Leben die einzige Parallele zur eigenen gesellschaftlichen Situation. Doch schien es ihm «nicht nachahmenswert, ein unglückseliges Beispiel, dem die Künftigen danken sollen, weil er für sie gelitten hat»2.