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EINLEITUNG
Die historische Literatur fällt heute ein vielfach vernichtendes Urteil über die selbstbewußte und fortschrittsgläubige Staaten welt des 19. Jahrhunderts. Bei einem zeitlichen Abstand von etwa drei Generationen klärt sich das Bild. Wir erkennen, daß die ausbeuterische Kolonialpolitik und die militante Handelspolitik der europäischen Mächte wesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beigetragen haben, daß zu den schrecklichsten Folgen dieser Politik die heutige Verarmung der Dritten Welt zählt - sie ist kein Erbe der Entdeckungszeit, sondern im 19. Jahrhundert bewirkt worden - und daß die noch vor hundert Jahren hochgepriesene Industrialisierung Europas und der Welt zur Verarmung der Massen, zur Verelendung der Großstädte und zur Zerstörung der Natur geführt hat.
Skepsis herrscht auch bei der Beurteilung der Nationalitätenpolitik. Kaum jemand ist heute noch überzeugt, daß Frankreich und England, später auch die Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrer Forderung nach Selbstbestimmung aller Völker nach dem Prinzip, jede Nation ein Staat, die ganze Nation nur ein Staat" den richtigen Weg gewiesen haben. Dieser Nationalismus ist nämlich ein Prinzip der modernen Massengesellschaft, der anonyme Einheit wichtiger ist als menschliche Gemeinschaft. Diese westeuropäische Politik setzte sich bekanntlich die Zerschlagung der beiden großen Vielvölkerstaaten, Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reiches, zum Ziel. Durch eine konsequente Außen-und Handelspolitik wurden diese beiden Staaten jahrzehntelang benachteiligt und schließlich im Ersten Weltkrieg bekämpft, besiegt und zerstört. Aus den Vielvölkerstaaten konstruierten die Siegermächte bei den Friedensverhandlungen des Jahres 1918, ohne die Geschichte, Kultur und Religion dieser Staaten zu verstehen, mehr als ein Dutzend neuer Staaten, die alle- außer das brutal dezimierte Ungarn - multinationale Staaten waren und ihren Völkern und Volksgruppen weder die Sicherheit noch die Eigenständigkeit gewähren wollten oder konnten, die z. B. die österreichisch-ungarische Monarchie ihnen zu bieten versuchte. Ohne historische Fundamente, ohne ein überzeugendes Bekenntnis aller Bürger zum gemeinsamen Staat und ohne Bindung an ein größeres Ganzes schlitterte diese selbstgefällige Staatenwelt zuerst in eine wirtschaftliche Katastrophe, dann in Bürgerkriege, Despotie, Diktaturen und schließlich in den Zweiten Weltkrieg. Heute, angesichts großer Veränderungen in dem nach dem Weltkrieg 1945 wiederhergestellten Staatengefüge Mittel- und Osteuropas erkennen wir, daß diese nur durch unmenschliche Diktaturen unverändert existierten, sonst schon längst an ihren Nationalitätenproblemen gescheitert wären, an dem sie nun endlich scheitern, obwohl sie vorgaben, sie zu lösen.
Wir erkennen, freilich zu spät, daß einem umspannenden Vielvölkerstaat wie Österreich-Ungarn, mit seiner Möglichkeit wirtschaftlich, kulturell, religiös und national auszugleichen, heute
größere Chancen Frieden zu stiften gegeben werden denn je. Unser Interesse wendet sich daher wieder stärker der Geschichte des Staates zu, in dem zwar jene nationalen und ideologischen Gegensätze die Tagespolitik behenrschten, die heute in vielen Ländern der Erde nicht weniger akut sind, in dem aber Staatseinheit und Regionalismus sich so lange vertrugen, bis chauvinistischer Nationalismus das Leben der jeweils „anderen" Volksgruppen bedrohte. Wir bewundem aber auch seine Kunst und Wissenschaft, die dank der sich gegenseitig anregenden und befruchtenden Kulturen in einem Land, in einer Stadt, unter einem Herrscher, der in allen Ländern und allen Städten das Gefühl für Gemeinsamkeit ermöglichte, zu außergewöhnlicher Blüte gelangten.
Großzügige Gründungen und liberale Statuten von Universitäten und Hochschulen, nicht nur in Wien, ermöglichten fundamentale Forschungen und Erkenntnisse auf allen Gebieten der Naturwissenschaften und der Medizin. Bedeutende Philosophen und Psychologen, zum Teil aus der medizinischen Wissenschaft kommend, wie Sigmund Freud, lehrten in Wien und Prag. Die europäische Kunstgeschichte wurde ebenso in Wien begründet wie viele andere „moderne Wissenschaften". Wichtige soziale und politische Bewegungen entstanden hier, der demokratische Sozialismus Viktor Adlers, der Zionismus Theodor Herzls, die Friedensbewegung Bertha von Suttners. Wien wurde zum zweiten Mal in seiner Geschichte Zentrum der musikalischen Welt, einerseits dank des Wirkens der großen Komponisten Brahms, Strauß, Bruckner und Mahler sowie der neuen Wiener Schule: Schönberg, Berg, Webern und Krenek, andererseits durch ein glanzvolles Opern- und Konzertleben.
In unübertrefflich prunkvollen und doch vornehmen Gebäuden an der neuen Ringstraße, wie der Hofoper, dem Hofburgtheater und dem Musikvereinsgebäude mit dem „Goldenen Saal", wurden die alte wie die damals zeitgenössische Musik und die darstellende Kunst zelebriert, ebenso wie im Kunsthistorischen Hofmuseum die alten und unvergleichlich reichhaltigen Kunstsammlungen des habsburgischen Hauses in monumentaler Weise dem Publikum dargeboten wurden. Die Errichtung der staatlichen, höfischen, kirchlichen und privaten Bauwerke an der Ringstraße und den an sie anschließenden Plätzen bedeutete sowohl eine bewunderungswürdige technische und organisatorische Leistung als auch eine Förderung der Architektur und aller mit ihr zusammenwirkenden Künste. Architekten, Maler, Bildhauer und Stukkateure aus ganz Europa erhielten hier bedeutende Aufgaben: Es sei nur an die Architekten Theophil Hansen, Eduard van der Nüll und August von Siccardsburg, Heinrich von Ferstel, Gottfried Semper und Cari von Hasenauer und Friedrich von Schmidt, an die Maler Moritz von Schwind, Hans Makart und Mihály von Munkácsy sowie an die Bildhauer Victor Tilgner und Caspar von Zumbusch erinnert.