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FRANZ MARC
UND DIE DEUTSCHE MALEREI DES 19. UND 20. JAHRHUNDERTS
IVir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern und unerhörten Klängen leben. (Marc: Aphorismen, 25)
' cnn wir die bedeutendsten deutschen Maler des i9- Jahrhunderts mit den ihnen entwicklungsgeschichtlich gleichzeitigen Malern in Frankreich vergleichen, so müssen wir das seltsame Phänomen eines im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmenden Zurückbleibens der deutschen gegenüber der französischen Malerei feststellen. Um die Wende zum 20. Jahrhundert, als Franz Marc zum Pinsel griíF, war die deutsche Kunst gegenüber der französischen (und das hieß damals so"iel wie: europäischen), künsderisch gesprochen, um volle zwei Generationen zurückgeblieben. Diese Tatsache müssen wir uns sehr eindringlich vor Augen halten, wenn wir die Leistung jener Generation deutscher Maler gerecht beurteilen wollen, die zwischen 1900 und 1910 den vollen Anschluß an die europäische Kunst wiedergewonnen hat. Zu dieser Generation gehört, in der vordersten Reihe sogar, Franz Marc. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand völlige Gleichzeitigkeit zwischen der deutschen und der französischen Malerei. Der führende deutsche Klassizist, Peter Cornelius, ist 1783 gehörender fuhrende französische Klassizist, Ingres, 1780. Immerhin, die Selbstverständlichkeit, mit der Ingres, bis zum Auftreten Dela-cróix' anfangs der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts, in Frankreich als der gültige Ausdruck der Zeit Napoleons genommen wurde, gilt fiir Comelius in Deutschland schon nicht mehr. Der nur wenig früher, 1774, geborene Caspar David Friedrich wird nicht etwa nur von uns Heutigen künsderisch ungleich höher gestellt als der überhaupt nur noch als historische Mutnie nennenswerte Cornelius — in Caspar David Friedrich verkörpert sich auch eine völlig gegensätzliche geistige Haltung: die radikale Opposition des in seine privateste Innerlichkeit zurückgedrängten freien Einzel-menschen gegenüber den staatlich und gesellschaftlich offiziellen Mächten, mit denen der- reife Goethe, sehr zum Mißfallen weiter demokratisch-bürgerÜcher Schichten, sich eingelassen hatte. Diese »frühe Romantikf im Sinne Caspar David Friedrichs, zeitlich neben dem Klassizismus und geistig ihm radikal entgegengesetzt, existiert in Frankreich nicht — kann in Frankreich nicht existieren, denn das französische Bürgertum hatte, im Gegensatz zum deutschen, seine in der Zeit der Aufklärung geträumten Freiheitsträume im wesentlichen verwirklicht. In Deutschland hat das Landesfiirstentum, bis zur Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die uneingeschränkte poHtische Macht besessen und damit auch gesellschaftlich den Ton angegeben. In Frankreich ist erst nach dem Sturze Napoleons und nach der Restauration der Bourbonén, als neue bürgerliche Freiheitsbewegung {die griechischen Freiheitskriege!), die »Romantik« erwacht: Dela-croix, geboren 1798. »Romantik« bedeutet in Frankreich: neuer Aufbruch, neue Dynamik, neues Wagnis. So im Polirischen, so in der Kunst — in der Literatur, in der Musik, in der Malerei. Diese französische, extraverrierte Form der Romantik ist in Deutschland nicht vorhanden. Die gleichzeitige »jüngere Romantik« in Deutschland ist die bare Flucht in die biedermeierliche Idylle. Von »IntrcH version« zu reden, wäre zu viel der Tiefendimension! In Deutschland war die Restauration »total«, sie erstickte jede bürgerlich-demokratische Freiheitsbewegung. Nichts ist bezeichnender, als daß Daumier und Spitzweg im gleichen Jahre 1808 geboren sind! Ein einziger: der im gleichen Jahre 1798 wie Delaacix geborene geniale Karl Blechen, versuchte, den herrschenden Mächten nicht nach rückwärts, in die Historie wie die »Deutschrömer«, sondern nach vorwärts, in die realistische Bejahung der WirkL'chkeit, auszuweichen. Völlig echolos ist Blechen 1840 gestorben. Gleich ist es in Deutschland der nächsten Generation, der Generation der realistischen Freilichtmaler, ergangen. Ihr einziger wirklich genialer Vertreter, Adolf Menzel, ist 1815, also genau in der Mitte jenes Jahrzehnts geboren, in dem in Frankreich die stolze Reihe der großen Pleinairisten geboren ist: Th. Rousseau 1812, Millet 1814, Daubigny 1817, Courbet 1819, die alle in den vierziger Jahren, als überzeugte Realisten und achtundvierziger Demokraten, aufgetreten sind. Im Jahre 1847 hat Menzel die erstaunliche »Potsdamer Bahn« gemalt — zwei Jahre sogar vor Courbets »Enterrement a Omans«. Während aber in Frankreich, trotz dem dritten Napoleon, in den funfeiger Jahren ein städtischer, demokratisch-bürgerlicher Lebensstil sich ausbilden konnte, in dessen freierer Luft eine freiere Kunst gedieh, wurde in Deutschland, nach der Niederlage der achwndvierziger Demokraten, im Gefolge des Aufstiegs des preußischen Königtums zur poÜtisch und gesellschaftlich bestimmenden Macht, die parallele Entwicklung hoffiiungslos hintangehalten: während Courbet in den fünfziger Jahren dem napoleonhörigen Großbürgertum seine künsderisch wie menschlich gleich kühnen Werke entgegenstellte, vermochte Menzel nur noch in kleineren, privateren Bildem seinen realistischen Geist zu bewahren; in seinen großen Werken wurde er imnîer mehr zum idealisierenden Lobredner des preußischen Hofîebens.