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DAS LEBEN DES HEILIGEN FRANZISKUS Das Jahr 1182 Umbrien ist ein auserwáhltes Land. Es finden sich dort nicht die majestátischen Berge Piemonts, die bezaubernden Gestade der Riviéra, die ehrwürdigen Ruinen Roms, und doch unterliegt der Besucher einer Anziehung, die sich nicht erkláren láfit. Die grauen Táler des Apennins, in denen der Blick immer wieder auf die gleichen Ölbáume, die gleichen Stráucher falit, waren über all sonst bald eintönig; -nur einige hochgeschossene Zypressen sorgen hie und da für eine pittoreske Note, aber auch ihnen gelingt es nicht, dieser dürren Gegend die Anmut oder die Füllé zu verleihen, die andere Mittelmeerlandschaften so reizvoll macht. Und gleichwohl erobert Umbrien die Herzen; liegt das vielleicht an dem goldenen und etwas drückenden Licht, das die Augen entzückt, an jener ernsten Heiterkeit, welche die Sorgen lindert? Man weifi es nicht recht. Der Zauber Umbriens besteht aus einer Lieblichkeit, einem Frieden, die den ganzen Menschen durchdringen und einen diese Erde so liebgewinnen lassen wie ein inneres Vaterland. Man mufi sichGewalt antun,um sie zuverlassen; und selbst wenn man danach andere italienische Landschaften genossen hat, die mannigfaltiger und reicher sind, möchte man nach Umbrien zurückkehren und lange Zeit dort verweilen. Assisi liegt wie die meisten umbrischen Stádte auf dem Hang einer Anhöhe: dem Monté Subasio, der mit seinen dreizehnhundert Metern das weite Tal des Chiascio beherrscht. Durch ihre Tore, ihre Gassen, ihre Kirchen hat die Stadt einen mittelalterlichen Charakter bewahrt; ihre Sprödigkeit, ihre Armut wurden im Lauf der Jahrhunderte nicht gemildert, und dem Schutze des Poverello1 ist es zu verdanken, dafi die Devotionalienhándler, die überall aus ehrlicher Frömmigkeit ihren Gewinn ziehen, hier nicht das Auge des Pilgers beleidigen. Der heilige Franziskus ist in diesem Orte geboren, und Assisis demütige Einfalt hütet das lebendige Andenken an diesen Grófién des Geistes. Alles verkündet oder flüstert dort seinen Namen; jederStein legt von ihmZeugnis ab. Und sogeschieht es,dafi uns die Báume, die Vögel, die Brunnen, die uns drunten im Tale mit dem Frieden der Natúr erfüllten, diesmal zum Frieden Gottes aufrufen. Kosmische und göttliche Reinheit verschmelzen in dieser Stadt zu einer köstlichen Frische, so daB man in solchem Dufte des Herzens nicht mehr zu unterscheiden vermag, was von der umbrischen Heiterkeit, was von der seraphischen Freude herrührt. Und doch ist der franziskanische Frieden nicht zufallig durch ein Zusammentreffen glücklicher Umstánde entstanden. Er beruht auf dem beharrlichen Werk eines Menschen. Als er geboren wurde erbebten Assisi und Italien unter dem Ansturm roher Leidenschaften;