PRÄLUDIUMFrühe DeutschstundenMütterlicherseits trug meine Familie den Namen Berliner. Mein Großvater Ál-min war der Älteste von fünf Geschwistern. Gemeinsam mit seinen Eltern sowie mit Hugó, Róza, Jenny und Alfréd, dem Jüngsten, übersiedelte er Ende des 19. Jahrhunderts aus der damals zur k. u. k. Monarchie gehörenden nordslowakischen Kleinstadt Dolny Kubin nach Budapest. Warum die Familie diese Schicksalswende auf sich nahm, lässt sich nur erahnen. Kubin, ein armseliges Nest, das - abhängig von der Ethnie seiner Bewohner - auch...
PRÄLUDIUMFrühe DeutschstundenMütterlicherseits trug meine Familie den Namen Berliner. Mein Großvater Ál-min war der Älteste von fünf Geschwistern. Gemeinsam mit seinen Eltern sowie mit Hugó, Róza, Jenny und Alfréd, dem Jüngsten, übersiedelte er Ende des 19. Jahrhunderts aus der damals zur k. u. k. Monarchie gehörenden nordslowakischen Kleinstadt Dolny Kubin nach Budapest. Warum die Familie diese Schicksalswende auf sich nahm, lässt sich nur erahnen. Kubin, ein armseliges Nest, das - abhängig von der Ethnie seiner Bewohner - auch Unterkubin oder Alsókubin genannt wurde und in dem mein Urgroßvater Berliner, dessen Vorname verschollen ist, als Rantor der jüdischen Gemeinde tätig war, erlangte Ruhm einzig durch den dort lebenden slowakischen Nationaldichter Pavel Országh Hviezdoslav. Dieser war ein lupenrein Ungarisch sprechender Rechtsanwalt, den meine Verwandten nur Országh Pali bácsi (Onkel Paulchen Országh) nannten. Seine Poesie nahmen sie nicht ernst, sondern betrachteten sie allenfalls als Freizeitbeschäftigung. Mögücherweise konnte sich die jüdische Gemeinde in Kubin, deren Synagoge heute als Kino und Kulturhaus dient, den Luxus eines eigenen Vorsängers nicht leisten. Wer weiß, wie viele Berliner dort lebten und in welchen Bereichen des Broterwerbs sie sich gegenseitig Konkurrenz machten - auf meiner Reise nach Kubin im Sommer 2001 entdeckte ich auf dem ramponierten jüdischen Friedhof immerhin noch sechs Grabstellen mit diesem Namen.Was aber suchten die Wirtschaftsflüchtlinge namens Berliner ausgerechnet in der Ein-Millionen-Stadt Budapest mit ihren 200000 jüdischen Einwohnern? Eine vakante Rantorstelle für den Urgroßvater konnte sich dort kaum finden lassen. Für andere Tätigkeiten aber war9
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