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Die Bockwürste ließen auf sich warten.
Thomas wunderte sich ohnehin, daß die Mutter noch etwas zu essen bestellt hatte, anstatt gleich weiterzufahren bis zum Ziel. Er traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Er hielt sich an den dringenden Rat der Mutter, an diesem Tag kein überflüssiges Wort zu verlieren. «Ich muß mich da auf dich verlassen können», hatte sie ein paarmal gesagt, «du bist ja schließlich schon bald dreizehn.»
Es war voll und laut in dem Bahnhofsrestaurant: Menschen und Stimmen, Zigarettenqualm und Gläserklirren. An den ungedeckten Holztischen saßen vor allem junge Leute in blauen Hemden, am linken Ärmel das Abzeichen mit der aufgehenden Sonne und den drei Buchstaben FDJ. Zusammengerollte rote Fahnen und Transparente lehnten an den Wänden und Heizkörpern. Auf zwei Pappschildern stand in weißer Schrift auf rotem Grund zu lesen: «Es lebe der i. Mai 1953!»
Obwohl es recht warm war, hatten Thomas und seine Mutter ihre Mäntel nicht abgelegt. Zwischen ihre beiden Stühle hatten sie ihre drei Koffer gestellt. Die Mutter schaute immer wieder zur Theke hinüber. «Wo die bloß mit den Bockwürsten bleiben?» flüsterte sie.
«Die müssen eben erst mal die ganzen Friedenskämpfer hier abfüttern, weil die zur Kundgebung müssen», sagte Thomas eine Spur zu laut. Die Mutter zischte ungehalten.
Blöde Bockwürste, dachte Thomas. Dabei mußte er sich allerdings eingestehen, daß er nach der langen Zugfahrt großen Hunger hatte. Denn vor lauter Aufregung war ihm das Frühstück beinahe im Hals steckengeblieben, das die Oma zu Hause in aller Herrgottsfrühe bereitet hatte.