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EINFÜHRUNG Wurde man sich auch schon im XIX. Jahrhundert der Wandlungen des Menschen im Lauf der Geschichte bewufít, so erkannte man doch erst in unserer Zeit das Ausmafi und die Brutalitát, mit der sie erfolgen können. In der Kunst kommen sie am intensivsten zum Ausdruck. Ausgangs des XIX. Jahrhunderts war es dem Impressionismus auferlegt, eine künstlerische Ára zu beschliefíen und eine neue zu eröfínen; er trieb den Realismus zu seiner höchsten Vollendung, unterzeichnete aber gleichzeitig dessen Todesurteil, denn die Vision, die der Realismus dem Menschen von der Natúr vermittelte, war zu überspitzt, zu « artistisch », als daB er sie als die seine erkannt hatte. Die moderne Maierei war geboren: von nun an ging es immer weniger darum, zu kopieren und die Erscheinungsformen der Natúr zu respektieren, deren Nachbildung jahrhundertelang als das höchste Ziel der Kunst gegolten hatte. Wenn die Impressionisten zu dieser Revolution beitrugen, dann tatén sie es unbewufít; sie ebneten ihr nur den Weg. Nicht sie, sondern die Generation, die ihnen um 1885 nachfolgte und sich von ihnen zu lösen, ja ihnen sogar entgegenzuwirken begann, obwohl sie sie bewunderte, begründete in der Maierei eine neue und durch die Jahrhunderte beispiellose Vision. Unter diesen Neuerern war Gauguin der radikalste, der vielleicht fruchtbarste. Im Juni 1899 schrieb er mit vollem Recht aus Tahiti an Maurice Denis, den Theoretiker der neuen Bewegung: « Der erste Teil meines Programmes hat Früchte getragen: heute können Sie alles wagen und, was mehr ist, niemand. wundert sich darüber». Der Generation von 1885 alsó verdanken wir die Umwertung zur Tradition gewordener Ideen: der Künstler hörte auf, an den Gehorsam gegenüber der Natúr zu glauben, er sah seine schöpferische Aufgabe im Gegenteil in der Kluft, die zwischen dem normalen Anblick der Dinge und der Vision bestand, wie er sie bot. Aber einzig Gauguin hat es verstanden, der Revolution mit radikalen Forderungen und mit völliger Erkenntnis der Ziele und der Mittel zu dienen. In diesem Sinne hat er mehr als jeder andere darauf Anspruch, der Schöpfer der modernen Maierei genannt zu werden. Akt (sitzende, náhende Frau). 1880 Ny Carlsberg Glyptothek, Kopenhagen