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VORWORT
Zitieren heißt, einen Ausdruck wiederholen, den ein anderer geprägt hat. Wir dürfen annehmen, daß der Mensch bereits zitierte, als er kaum sprechen gelernt hatte; Zitate finden wir schon in Schriften, die zum Ältesten gehören, was uns überliefert ist. So heißt es im 1. Buch Samuel, das um 800 v.Chr. entstand, dort, wo von der Berufung Sauis erzählt wird: »Da ihn aber sahen alle, die ihn vormals gekannt hatten, daß er mit den Propheten weissagte, sprachen sie alle untereinander: Was ist dem Sohn des Kis geschehen? Ist Saul auch unter den Propheten? Daher ist das Sprichwort gekommen: Ist Saul unter den Propheten?« Was Luther hier Sprichwort nennt, bezeichnen wir heute als geflügeltes Wort; als Sprichwort gilt uns nur ein Ausspruch, der eine Lebenserfahrung enthält. Die alte Bedeutung ist aber immer noch gegenwärtig, wenn einer »nicht zum Sprichwort werden« will oder wir uns über die »sprichwörtliche Dummheit« eines Esels aufhalten.
Sprichwörter sind schon früh gesammelt worden, in der Bibel zum Beispiel im Buch der Sprüche Salomos und unter dem Namen Jesus Sirach. Auch bei den Griechen und Römern hat es Sammlungen dieser Art gegeben. Im Mittelalter und in der Zeit des Humanismus waren sie sehr beliebt; so erreichte z.B. die Sprichwortsammlung des Erasmus von Rotterdam, aus der griechischen und lateinischen Literatur geschöpft und mit Erklärungen versehen, bereits zu Lebzeiten des Herausgebers etwa dreißig Auflagen. Die Sprüche Salomos stammen durchaus nicht alle von Salomo. In den Zeiten, als es noch keine historische Kritik gab, zog ein großer Name vieles an sich, was ihm nicht zugehörte, Anekdoten so gut wie Aussprüche. Ein Wort, das ein großer Mann gesagt hatte, erschien gewichtiger, ja, im Mittelalter diente das Zitat einer Autorität (der Bibel oder eines Kirchenvaters oder auch des Aristoteles) geradezu als Beweis. Davon abgesehen aber war es den Sammlern mehr um den Gehalt der Zitate zu tun als um deren Urheber. Der Berliner Schulmann und Sprachforscher Georg Büchmann (1822-84) hatte also eine stattliche Reihe von Vorgängern, als er 1864 seinen Zitatenschatz veröffentlichte. Aber er war der erste, der sich auf den historischen Standpunkt stellte, der erste, dem es