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VORWORT
In der Literaturgeschichte nimmt die Gattung der Tagebücher einen be-deutenden Raum ein. Tagebuchaufzeichnungen sind Dokumente des Werdeganges einer Persönlichkeit und oft genug Perlen der Literatur. Auch im religiösen Bereich gibt es zahlreiche Selbstdarstellungen von Menschen, die uns einen Einblick geben in ihr Streben nach Heiligkeit und Vollkommenheit. Es gibt grofiartige Beispiele dafür, denken wir nur an die „Bekenntnisse des hl. Augustinus" und das „Geistliche Tage-buch" des hl. Ignatius von Loyola.
Es will aber manchmal scheinen, als ob die Menschen früherer Jahr-hunderte sich mehr Gedanken gemacht hátten über ihre Vorsátze, Er-folge und Mifíerfolge als unsere Zeitgenossen und sie einem Tagebuch anvertraut hátten. GewiG wird das auch heute noch getan, aber wieviel davon wird vernichtet. Sicher geschieht das aus einer gewissen Scheu heraus, weil man nicht will, dafí Fremde etwas über die persönlichsten Dinge, wie etwa das Verháltnis zu Gott, erfahren sollen. Selbst ein Ignatius hat den gröfiten Teil seines geistlichen Tagebuches verbrannt. Manch einer, der Tagebuch geführt hat, hat mit allén Sicherungen des Rechtes erst für Jahrzehnte nach seinem Tode die Erlaubnis zur Veröffentlichung freigegeben.
Um so überraschender ist es, daG kurz nach seinem Tode das „Geistliche Tagebuch" Papst Johannes' XXIII. erscheinen konnte. Papst Jo-hannes war wáhrend seines Pontifikates das, was man wohl als „öffent-liche Persönlichkeit" bezeichnen konnte. Immer kam sein ganz persön-liches Wesen zum Durchbruch, was ihn bewegte, womit er sich bescháf-tigte, was er zu tun beabsichtigte, immer teilte er es den Menschen mit, die gerade um ihn waren, so daft alle Welt unterrichtet war, was der Papst wollte. Selbst bei vorbereiteten Reden, die er bei offiziellen Anlássen hielt, gab es oft genug eine ,, Johanneische Anmerkung", die selbst amt-liche Anliegen zu persönlichen machte, immer etwas gewürzt mit italie-nischem Mutterwitz. Es war das sicher ein Ausdruck dafür, wie er das oberste Amt in der Kirche führen wollte: Letztlich war er der „Pfarrer für die ganze Welt", und so hatten seine Kinder ein Recht darauf, zu