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VORWORT
An diesem Buch habe ich sechsundvierzig Jahre lang geschrieben. Die erste Fassung entstand, als idi zwölf, die zweite, als ich zweiundzwanzig, die dritte, als ich sechsundzwanzig Jahre alt war, und die Arbeit daran setzte eigentlich nie aus.
Mit der letzten Fassung begann ich vor fünf Jahren. Sie mußte, ebenso wie die früheren Fassungen, unvollendet bleiben, bis mein Gatte und ich 1956 das Heilige Land besuchten und bis mein Gatte mir die Nachweise für das letzte Drittel des Budies und sonstige Hilfen beschaffen konnte.
Von meiner frühen Kindheit an hat Lucanus oder Lukas, der große Evangelist, mich gefesselt. Als einziger unter den Evangelisten war er kein Jude. Er hat Christus nie gesehen. Alles in seinem beredten, aber knappen Bericht stammt vom Hörensagen, von Augenzeugen, von der Mutter Jesu, von Jüngern und von den Aposteln. Den Boden Israels hat Lukas erst fast ein Jahr nach der Kreuzigung Christi betreten.
Dennoch wurde er einer der größten Künder der Heilslehre. Wie Saulus von Tarsos, der nachmalige Paulus und Apostel der Heiden, glaubte er, daß unser Herr nicht bloß zu den Juden, sondem auch zu den Heiden gekommen war. Lukas hat viele Berührungspunkte mit Paulus, der ja gleichfalls nie mit Christus zusammentraf. Beiden wurde eine persönliche Offenbarung zuteil. Beide hatten Schwierigkeiten mit den eigentlichen Aposteln, die lange, auch noch nach dem Pfingstwunder, hartnäckig an der Meinung festhielten, unser Herr sei ausschließlich zum Heile der Juden Mensch geworden und gestorben.
Warum hat gerade Lukas mich ständig gefesselt, und weshalb habe idi ihn von Kind auf stets geliebt? Ich weiß es nicht. Ich kann dazu nur Nietzsche zitieren: „Man hört — man sucht nicht; man fragt nicht, wer es gibt. Ich hatte nie die Wahl."
Dieses Buch handelt nur mittelbar von Christus. Kein Roman, kein Geschichtswerk, kann sein Leben so gut darstellen wie die Heilige Schrift. Vielmehr ist die Geschichte des Lucanus oder des heiligen Lukas eine Geschichte von Jedermanns Pilgerfahrt durch Verzweiflung und Lebensdunkel, durch Leiden und Angst, durch Bitternis und Kummer, durdi Zweifel und Spott, durch Auflehnung und Hoffnungslosigkeit zu den Füßen und zum Begreifen Gottes. Diese Suche nach Gott und dessen
schließliches Offenbarwerden sind das einzige, was im Dasein des Mensdien zählt. Ohne diese Suche und dieses Offenbarwerden fristet der Mensdi nur seine Tage wie ein Tier, bar aller höheren Verheißung und Erkenntnis; sein Leben ist bedeutungslos, mag er noch so angesehen oder mächtig oder hochgeboren sein.
Ein Geistlicher, der uns bei der Abfassung dieses Buches half, sagte vom heiligen Lukas: „Er war Unserer Lieben Frau erster Troubadour. Nur ihm gab Maria das Magniflcat ein, das die edelsten Worte des menschlichen Schrifttums enthält. Er liebte sie mehr als alle Frauen, die er je geliebt hatte."
Mein Gatte und ich haben buchstäblich mehr als tausend Bücher über Lukas und seine Zeit gelesen, und am Ende dieses Romans ist für jene, die sich in diese Dinge vertiefen wollen, ein Literaturverzeidinis abgedruckt. Wenn den einen oder anderen Leser die Zeit des Lukas erstaunlich modern anmutet, von modernen seelischen Motiven beherrscht, so handelt es sich um eine Tatsache.
Dieses Buch wird gewiß nicht das beste auf Erden sein; aber es wurde mit Liebe und Hingabe für unsere Mitmenschen geschrieben. Und so wird es jetzt schließlich in aller Hände gelegt, weil es die ganze Menschheit angeht.
Fast alle Begebenheiten und die Umwelt von Lukas' Jugend und Mannesalter und der Zeit seines Suchens sind tatsadiengerecht, ebenso wie seine Familie und der Name seines Adoptivvaters. Man sollte stets im Auge behalten, daß Lukas in erster Linie ein großer Arzt war.
Als zwölfjähriges Mädchen stieß ich auf ein umfangreidies Buch, das von einer damals in Antiochia lebenden Nonne geschrieben war und viele weder in Geschichtswerken noch in der Bibel zu findende Legenden über den heiligen Lukas enthält. Die Nonne hat diese Legenden und mandierlei alte Uberlieferungen zusammengetragen, einsdiließlich der Berichte über die vielen von Lukas zunächst nicht als solche erkannten Wunder, die er schon vor seiner Abreise in das Heilige Land wirkte. Die Legenden stammen zum Teil aus Ägypten, zum Teil aus Griechenland; sie haben in diesem Roman Aufnahme gefunden. Damals wußte Lukas weder, daß er einer der Auserwählten Gottes war, noch, daß er Heiligkeit erlangen würde.
Das mächtige und glanzvolle Babylonisdie Reich (oder Chaldäa) wird vielen Lesern ebensowenig näher bekannt sein wie seine medizinisdien Forschungen, seine von den Priester-Ärzten geübten Behandlungsmethoden und seine Naturwissenschaft — alles Dinge, die auf die Ägypter und die