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Harald Marx DIE DRESDENER GEMÄLDEGALERIE GESCHICHTE, RUHM UND WIRKUNG
» zu allen Stunden den Liebhabern offen«
»Ein Ziel andächtiger Pilger aller Nationen«, so hatjulius Hübner die Dresdener Gemäldegalerie 1856 im Vonvort zum Katalog der Sammlung genannt, die damals gerade in das von Gottfried Semper entworfene neue »Museum« umgezogen und dort am 25. September 1855 eröffnet worden war: » und zwar für Sonntag, Dienstag und Freitag unentgeldlich, für die übrigen Tage gegen ein Eintrittsgeld von 5 Neugroschen«, wie wr dem »Dresdener Galeriebuch« von Martín Bernhard Lindau entnehmen, das im gleichen Jahr 1856 als »Ein be-rathender Führer zur Auffindung und zum Verständnis der Meisterwerke « erschienen ist.
Beiläufig sagt diese letztere Nachricht etwas von freiem Eintritt und Eintrittspreisen, wesentlich jedoch ist sie für das Verständnis von Dresdener Museumstradition, die neben dem Festhalten an höchster künsderi-scher Qualität auch Öffentlichkeit der Sammlungen zum Inhalt hatte und die damit bis heute verpflichtend bleibt, obwohl es die Gratis-Tage nicht mehr gibt.
Schon 1777 konnte Benjamin Gottfried Weinart bemerken: »Was für Schätze enthält nicht diese Bildersammlung, welche aus den Meisterstücken der vornehmsten Maler aller Schulen besteht? Sie steht zu allen Stunden den Liebhabern offen.« Müssen wir auch einschränkend sagen, daß nicht zu allen, sondern nur zu bestimmten Stunden der Zutritt möglich war, so sehen wir die angesprochene Tendenz doch bestätigt. Die Erfahrung einer »öffentlichen«
Sammlung hat auch Johann Wolfgang Goethe als Leipziger Student gemacht, als er 1768 wegen der Gemälde nach Dresden gekommen war. Er berichtete später in »Dichtung und Wahrheit«: »Die Stunde, da die Galerie geöffnet wurde, mit Ungeduld er%vartet, kam endlich heran «
Als Schöpfung königlicher Repräsentation und persönlichen Kunstsinns gleichermaßen war die Dresdener Gemäldegalerie in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden. Geprägt durch den Geschmack König Augusts »des Starken« (1670-1733; Kurfürst von Sachsen seit 1694, König von Polen seit 1697) und mehr noch durch die Erwerbungen seines Sohnes, König Augusts III. (1696-1763, Kurfürst und König seit 1733), gehört sie zu den wichtigsten kulturellen Leistungen der sogenannten »augusteischen« Epoche in Sachsen. » nichts ist eines Herrschers würdiger, als seine Vergnügungen so zu wählen, daß dem Publikum vergönnt ist, davon auf angenehme Weise zu profitieren Wer eine Galerie als eine öffentliche Schule (école publique) bezeichnen wollte, hätte nicht Unrecht, weil man dort an einem Ort, mit einem Blick lernen kann, was sonst in vielen Büchern aufgesucht werden müßte.«
Man mag erstaunt sein, dieses »aufklärerische« Zitat schon 1753 und noch dazu bei Carl Heinrich von Heinecken zu finden, dem Sekretär des Grafen Brühl; als Premierminister König Augusts III. hat Brühl eine zumeist negativ beurteilte Rolle in der sächsischen Geschichte gespielt. Beinahe gleichzeitig sprach sich Johann Joachim Winckelmann in eben diesem Sinne über die Dresdener Gemäldesammlung aus, und in der Doppelung der Zitate liegt gesteigerte Glaubwürdigkeit der Aussagen : »Es ist ein ewiges Denkmal der Größe dieses Monarchen (Augusts III.), daß zur Bildung des guten Geschmacks die größten Schätze aus Italien, und was sonst Vollkommenes in der Malerei in andern Ländern hervorgebracht worden, vor den Augen aller Welt aufgestel-
lt ist.« Winckelmann ging damit auf die Neueinrichtung der Galerie 1745-1747 in dem zu diesem Zwecke völlig umgebauten Stallgebäude am Jüdenhof ein. Erst mit diesem Umbau und mit dieser Neuaufstellung gewann die Sammlung den für damalige Zeiten sensationellen und verpflichtend gebliebenen öffenüichen Charakter.
» alte und neue künstliche Gemälde mit untergesprengt«
So blieb die Wirkungsgeschichte der Galerie und ihrer Gemälde bis heute untrennbar mit der Geschichte der Bauten verbunden, in denen die Bilder untergebracht waren und gezeigt wurden, zuerst im Dresdener Residenzschloß, dann im ehemaligen Stallgebäude am Jüdenhof (dem heutigen »Johanneum«) und seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Sempers Museumsbau zwischen Theaterplatz und Zwinger. Welche architektonischen Anforderungen gestellt wurden und wie die Hängung der Gemälde vorzunehmen sei, das blieb stetem Wandel der Anschauungen unterworfen. Doch nie wurde bestritten, daß die Werke der einzelnen nationalen und lokalen Schulen oder sonst zusammengehörigen Meister auch in räumlichem Zusammenhang gezeigt werden sollten, vorausgesetzt, die konkrete bauliche Situation erlaubte es. Andererseits bemerkte schon Johann Gottiob von Quandt in seinem »Begleiter durch die Gemäldesäle des Königlichen Museums zu Dresden« 1856: »Wer nun eine Sammlung aufzustellen hat, die Werke enthält, welche bloß wegen ihres Kunstwertes angeschafft wurden, kann und darf keine andere Rücksicht nehmen, als den Gegenständen in dem ihnen angewiesenen Lokale solche Stellen einzuräumen, wo sie sich dem Beschauer am vorteilhaftesten darbieten «