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DER QUELL
Der große Strom, den wir Ganges nennen,ist für den Hindu nicht einfach ein Fluß. Er ist eine Vergöttlichung von strömendem Wasser und wird unter 108 Namen verehrt
Es gibt viele Möglichkeiten, nachzuweisen, daß Indien anders ist als alle anderen Länder Asiens. Aber es ist kein Rätsel; ein solches ließe sich vielleicht lösen. Indien hingegen ist nicht völlig zu durchleuchten, ist von niemandem zu dechiffrieren.
Indien Ist so einzigartig vor allem, well es den Hinduismus gibt, diese Religion der Mythologie und Verinner-lichung, In der die menschliche Existenz selbst zum Ritus wird. Zwischen dem Helligen und dem Profanen gibt es keine scharfe Trennungslinie.
Der Hindu Ist bis Ins tiefste Innere von der Erfahrung durchdrungen, daß Mensch und Welt wesenhaft eins sind. Ersieht Eigenschaften in den Dingen, über die der heutige westliche Mensch sich noch nie Gedanken gemacht hat: Für die Röte der Rose gibt es ebenso ein spezielles Wort wie für das Kuhsein der Kühe. So !stauch der große Strom, den wir Ganges nennen, für den Hindu nicht einfach „der Ganges". Er ist vielmehr eine Vergöttlichung von strömendem Wasser, die 108 verschiedene Namen trägt, Namen wie „Der die Furcht wegschwemmt", „So weiß wie Milch" oder auch „Mal Ganga", Mutter Ganges.
Der göttliche Strom ist rituelle Großbadeanstalt, Tempel und Friedhof zugleich. Nichts Vollkommeneres Ist für den Gläubigen vorstellbar, als nach einem sündenabstreifenden Bad im Ganges zu sterben. Denn am Wasser hängt, zum Wasser drängt einfach alles im Leben eines Hindu. Es begleitet sein Leben bis über den
Tod hinaus. Die Asche der Toten wird, wenn es sich Irgend machen läßt, dem heiligen Fluß übergeben. Mit dem Wasser wird sie zum Ozean geführt, mit dem Wasser von der Sonne aufgenommen. Mit dem Regen fällt sie nieder in den Bergen des Hlmalaya, um dort wieder die Quelle des Ganges zu speisen.
Vielleicht kann man den Hinduismus als eine Religion der Entsagung kennzeichnen. Viele seiner Elemente scheinen nur für Menschen geschaffen zu sein, die sich In sich zurückgezogen haben. Die Indische Lethargie und die Neigung, das weltliche Treiben für gering zu achten, könnten dies zum Grund haben. Der Hindu ist, auch wenn er einer Gruppe angehört, allein für sein Heil verantwortlich. Er weiß es-und er richtet sich danach.
^^er Fotograf Erwin Fie-ger, 54 Jahre alt, hatte schon mehrere Indien-Reisen hinter sich, als er sich die Aufgabe stellte, an den Ufern des Ganges dem „Dharma" nachzuspüren, I