Bővebb ismertető
Bei der Planung dieses Heftes habe ich oft an den Bácker von Montmartre gedacht. Eine alte Geschichte, nicht ganz so alt wie der Glöckner von NotreDame, aber immerhin. Als ich vor 20 Jahren zum erstenmal an die Seine kam, voller Erwartungen und ausgerüstet mit der frisch erworbenen Reife eines neusprachlichen Gymnasiums, zog es mich gleich bei der Ankunft in eine Boulangerie auf Montmartre. Ich hatte Appetit auf jenes weiBe Schaumgebáck, dem wir Deutschen den híibschen französischen Namen Baiser gegeben habén. Trois baisers", sagte ich alsó, worauf die junge Verkáuferin errötete und kichernd durch einen Vorhang nach hinten verschwand. Zurück kam ihr Vater, der Bácker, und fragte in scharfem Ton nach meinen Wünschen. Aus der Contenance und um jede grammatische Sicherheit gebracht, stotterte ich in Tarzan-Sprache: Baiser! - Vzrsuchen Sie es auf Pigalle", riet mir der Mann mit jener unnachahmlichen Arroganz des Parisers. Meinen Irrtum verriet mir nachher ein Blick ins Wörterbuch. Schauen Sie mai nach! Seither habe ich 17 Jahre meines Lebens in Paris verbracht, habe dort studiert, gearbeitet, gut gegessen und auch gelernt, in Báckereien meringue statt baiser zu sagen. Doch die Kluft, die sich an jenem ersten Tag zwischen den Pariséra, vertreten durch den Bácker von Montmartre, und mir, dem Fremden, auftat, hat sich nie ganz geschlossen. Jeder ist auf seinem Ufer geblieben: Die Pariser schauen noch immer ? So siehtder Pariser den Fremden: als knipsenden Voyeur nackter Klischees vorm Eiffelturm arrogant auf alles Fremde hinab, und meine französischen Freunde stammen fast alle aus der Provinz. Was das mit diesem Special zu tun hat? Eine Menge, denke ich. Denn wenn man eine Stadt wie Paris vorstellt, kann dies nicht allén Ernstes mit dem Anspruch auf Objektivitát und Globalitát geschehen. Dazu ist Paris zu groB, und zu widersprüchlich sind die Gefühle, die es einflöBt. Sie, lieber Leser, werden im folgenden zwar eine Stadt aus Pariser Sicht prásentiert bekommen; aber die meisten Autoren in diesem Heft sind Pariser Fremde", und gewiB hören Sie hier und da einen leichten Berliner, Münchner, Zürcher oder Londoner Akzent heraus. Diese Verfremdung" wird Ihnen auch bei der Optik dieses Specials auffallen. Unsere Bildredakteurin Elke Ritterfeldt, die ebenfalls lángere Zeit an der Seine verbracht hat, entschied sich bei der Auswahl ihrer Fotografen bewuBt gegen die einheimische Linse - für den von auBen eindringenden, neugierigen und etwas distanzierten Blick vertrauter AuBenseiter, seien sie nun Franzosen oder Auslánder. Mit der eigenen Arroganz der Pariser Fremden habén wir uns übrigens auch über jene Regein hinweggesetzt, die verlangen, bei der Verwendung eines französischen Wortes auch dessen Geschlecht mit ins Deutsche zu übernehmen. Störrisch beharren wir darauf, der" Place de la Concorde zu sagen oder das" Musée du Louvre. Weil es zwar nicht der Logik, dafür aber unserer heiligen Gewohnheit entspricht. Trotz all dieser FremdenWillkür, keine Angst: lm Info-Teil, wo es um gutes Essen, preiswerte Eleganz und SpaB an der Pariser Nacht geht, hat sich Judith Assaraf, eine waschechte Pariserin, nicht von uns Auslándern reinreden lassen. Sie wuBte sehrgut, warum. Herzlichst Ihr Michael Stührenberg