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AUSSERHALBSEINERZEITDie Klage Alfred de Miissets über den Seelenzustand seiner Generation: Alles, was war, ist nidit mehr, alles, was sein wird, ist noch nicht, sucht nirgendwo anders das Geheimnis unseres Wehs . . . schließt nicht das geistige Schicksal Georg Büchners ein; sie streift es nur. Dieser Dichter zwischen den Generationen ist gar nicht zu den Gelegenheiten gekommen, Mitleid mit sich selbst auszuüben. Büchner ist nicht zu früh geboren, er ist zu früh gestorben. Lebenskräftig und lebensneugierig, hat er ein paar gewaltige Schritte gemacht, beim Ausholen zum nächsten wurde er schon niedergeschlagen. Die Regungen seiner Seele: Empörung (Der Hessische Landbote), Entsagung (Dantons Tod), Lächeln (Leonce und Lena), Glauben (Lenz), Ingrimm (Woyzeck) hatten sich erst entfaltet; kaum untereinander verästelt, waren sie noch nicht zusammengehalten vom durchwärmenden Erlebnis der Sinne. Auf Büchners Gefühls-Skala fehlt noch die Ergriffenheit von der Wollust der Wesen. Novalis, im gleichen Alter, war ihr inbrünstig hingegeben. Büchner bleibt noch bei den grünen Witzen des Mediziners, er braucht die derbe Ausflucht, um die Verwandtschaft von Tod und Wollust zu treffen: seine Lebens-Uhr, im Gegensatz zu Novalis, war nicht auf frühes Grab und jauchzendes Verscheiden eingestellt das unterschied ihn vom Romantiker. Büchner glaubte, Zeit zu haben das verhieß den Realisten. Ein Mann des Lebens, richtete er sich ganz auf Gegenwart und Dauer ein, auf Ehe und Beruf. Mit dreiundzwanzigeinhalb Jahren wurde er vom Typhus hinweggerafft; nichts in seinem Wesen, nichts in seinem Werk hat auf solches Ende schließen lassen.Für die deutsche Literaturgeschichte bedeutet sein Werk, wie das eines jeden Genies, Vorwegnahme. Offen bleibt, ob es nicht auch eine Vorwegnahme Büchners bedeutet. So reif und vollkommen in sich sind seine Dichtungen, daß sich die Aussagen seiner späteren Produktivität vielleicht auf die Wissenschaft, auf die Naturforschung verlagert hätten. Seinem glänzenden Morgen folgte nicht der mühselige, abstumpfende Tag.Büchner war ebensowenig der letzte Romantiker wie der erste Realist, denn er fügt sich nicht dem Schema der sich abwechselnden literarischen Richtungen. Er stand außerhalb seiner Zeit. Ein Realist wie Shakespeare, ein Romantiker, wenn Shakespeare einer war. Ein Dramatiker aus erster Hand, half er dem lieben Gott beim Bündeln einiger Schicksale, doch nicht, um ihm vorlaut ins Handwerk zu pfuschen, sondern um ihn wehmütig auf einige versäumte Gelegenheiten hinzuweisen. Winke für eine zweite Erschaffung der Welt, mehr durfte er nicht geben. Mitten in den Beseligungen der Gewißheit zur schönsten aller Berufungen verließ er die Welt, kaum, daß er gelebt hatte.