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RÜDIGER DANNEMANN
EINLEITUNG
Wie schon vor einigen Jahren das Marx-Jubiläum rief das Lukács-Centenarium Verlegenheit hervor, vor allem bei denen, die aufgrund ihrer intellektuellen Biographie für eine tieferschürfende Auseinandersetzung prädestiniert schienen, denen aber — aus mancherlei guten Gründen — nichts einfiel. Daß dieser Sachverhalt kaum jemanden abhielt, sich bei Gelegenheit — und derer gab es viele ^ — und am besten mehrfach — freilich nicht immer sehr variabel — zu äußern, gehört zu den routinierten Absurditäten des Wissenschaftlergewerbes. Da es zu dessen Gepflogenheiten zählt, mit selbstkritischen Beiträgen, die aber so ernst nicht gemeint sind, den beklagten Leerlauf des Getriebes fortzusetzen, sollen die vielfältigen Aktivitäten im Jubiläumsjahr nur zum Anlaß genommen vi^erden, aktuelle Möglichkeiten und Tendenzen der Lukäcs-Rezeption zu skizzieren. Ich möchte diese Absicht in drei Schritten entfalten:
1) Zunächst möchte ich das Phänomen einer historisierenden Lukács-Rezeption erläutern in der Absicht, die Plausibilitäten und die Fragwürdigkeit einer solchen Beschäftigung mit Lukács' Oeuvre zu verdeutlichen.
2) Danach geht es mir darum zu zeigen, daß und warum die östliche Rezeption Lukács' in Bewegung geraten ist, was man von der westlichen nur sehr selten behaupten kann. Untersucht werden soll, inwieweit die Neuaufnahme des Gesprächs mit Lukács den bei uns zu beobachtenden historisierenden Tendenzen ent- bzw. widerspricht.
3) Schließlich soll jenen Diskussionstendenzen nachgegangen werden, die sich den schwer integrierbaren Ärgernissen des Spätwerks oder gar der Zerstörung der Vernunft widmen bzw. den Versuch unternehmen, die Ver-dinglichungstheorie zu reformulieren. Zur Frage der Aktualität gehören auch Beobachtungen zur »Budapester Schule«, der ein — knapper — Exkurs gewidmet ist.