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Die Aussagekraft der dichtungsgeschichtlichen Denkmäler der Feudalformation
Die Geschichte des deutschen Volkes im Mittelalter „ist nicht geschrieben, so lange nicht seine Poesie erschlossen ist Man glaube nicht, daß mit den Annalen und Diplomen des Mittelalters die Quellen seiner urkundlichen Geschichte erschöpft seien 1 Sind denn die Erzeugnisse des schaffenden Geistes, die Eröffnungen des bewegten Gemütes, das nicht lügen kann, minder verlässige Urkunden vom Leben jener Zeit?"tl] (Uhland)
Wie die bildende Kunst in Stein und Farbe pulsierendes Leben zeitüberdauernd festhält, so formen sich dichterische Gehalte in Sprachkunstwerken aus. „Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache", lautet eine Feststellung von Karl Marx und Friedrich Engels.121 Lebt so die Sprache an sich schon als wichtigstes Mittel des Bewußtseins, der Mitteilung und Verständigung, als wichtigstes Mittel also aller gesellschaftlichen Verbindung, dann ist evident, daß dichterische Sprachgewalt Denkmäler schafft, durch die uns weit zurückliegende Vergangenheit am ehesten wieder lebendig wird. Die Selbstdarbietung der Zeitalter in ihrer Poesie ist eine der wichtigsten Quellen unserer Erkenntnis vergangenen Lebens, weil sie uns bis dahin führt, wohin die Masse der sonstigen Geschichtsquellen nicht reicht und nicht reichen kann: ins unmittelbare Empfinden, Wünschen, Wollen und Denken früherer Menschen.
In den dichtungsgeschichtlichen Denkmälern der Feudalformation sprechen sich uns fremd gewordene Zeiten aus. Sie überliefern ein Menschenbild, das von gesellschaftlichen Grundlagen und Zuständen geprägt wurde, über die seitdem mit mehrfachen und einschneidenden Umwälzungen die historische Entwicklung hinweggegangen ist. In vielem muten feudale Wirklichkeit und Mentalität uns Heutige geradezu exotisch an. Niemand ist weiter von dieser Vergangenheit weggerückt als der junge Mensch, der in einer Gesellschaft aufwächst, die bereits tatkräftig den Sozialismus aufbaut. Nur die Dichtung — die in ihr aufgefangene, aufbewahrte lebendige Menschenstimme von eher mals - vermag über diese Entfernung hinwegzuhelfen. Jedenfalls gibt es kaum eine andere Brücke, die dem, der geistig wahrnehmungsfähig ist, einen solch unmittelbaren Zugang zu jenem gewesenen und so ganz andersartigen Menschentum verschaffen kann.
So ist, im Hinblick auf die älteren Stufen unserer Dichtungsgeschichte, die zentrale Aufgabe der Literaturgeschichtsforschung, den feudalen Menschen in seiner gesellschaftsgeschichtlichen Ausprägung von innen zu beleuchten, uns in seine Werte und Vorstellungsweisen zurückzuversetzen, sie nicht nur zu „entlarven", sondern auch zu verstehen und nachzuempfinden und gerade aus diesem Verständnis heraus kritisch zu würdigen. Diese Kritik wurzelt in der Erkenntnis der historischen Bedingtheit und Begrenztheit der feudalen Gedanken- und Wertwelt auch dort, wo sie selbst sich sehr absolut, voll- und endgültig gibt.
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