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SPIEGELBILD UNSERER ZEITIn der gegenwärtigen Situation der Deutschen eine Geschichte der jüngsten Kunst schreiben zu wollen, wäre ein fast unbescheidenes Unterfangen, wenn der Verfasser nicht schon in den Zeiten vor der Isolierung durch ein barbarisches Regime Material und einen Versuch über die Kunst des 20. Jahrhunderts beisammen gehabt hätte. Es ist ihm alles in einer Bombennacht zugrunde gegangen. So wurde die Schrift unter erschwerten Bedingungen von neuem begonnen; unter Erschwernissen, zu denen außer dem Verlust aller Notizen und Abbildungen gerechnet werden müssen: der Zufall eines ländlichen Aufenthaltsorts am Fuß der Alpen, der Verlust sämtlicher Bücher und die Schwierigkeit, Einblick in die Literatur und in Ausstellungen zu gewinnen.Dennoch trieben mich eine lebenslänglich bestehende Neigung zur Kunst der Lebenden und darstellerische Passion dazu, das Unternehmen allen Hindernissen zum Trotz durchzusetzen, um der jüngsten Malerei zu einem Geschichtsbild zu verhelfen; nicht mit dem Anspruch auf Objektivität, die keinem Mitlebenden und Mitfühlenden zusteht, aber mit einer gewissen, durch lange Fühlungnahme erworbenen Berechtigung, im Streit der Meinungen mitzufechten und wenigstens das eine Prinzip festzuhalten: historische Folge und Glaubwürdigkeit. Inder qualitativen Beurteilung einzelner mag die Empfindung persönlich und bestreitbar bleiben; die Logik des Geschichtsablaufs läßt sich nicht anfechten.In den bisherigen Darstellungen, von denen ihrer umfassenden und wegweisenden Fülle wegen H. Hildebrandts Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts", 1925, hervorzuheben wäre, schien das wahrhaft historische Moment der Entwicklung von Form, Gehalt und tragenden Persönlichkeiten vernachlässigt; vor allem auch eine im geschichtlichen Sinne höchst notwendige Beschränkung auf die künstlerisch wesentlichen Strömungen und führenden Persönlichkeiten. Diese herauszufinden und im Zusammenhang darzustellen, war die gegenwärtig dringende Aufgabe, für welche die zur Verfügung stehende Kenntnis des Materials zu genügen schien, da es bei einem solchen Versuch nicht auf eine lückenlose Aufzählung aller Künstler und Tendenzen abgesehen ist.Gegenüber der politisch-ökonomischen Geschichte besitzt die Geschichte der Kunst den unschätzbaren Vorzug der Abwesenheit von menschlicher Unzulänglichkeit. Während die Welthistorie es mit den Exzessen der Macht und deren Bekämpfung zu tun hat, welche die Entwicklung der Völker zu einer ewigen Tragödie und mithin freilich auch höchst spannend für unbeteiligte Leser machen, geht es bei der Kunstgeschichte nur um die Auseinandersetzung des Geistes mit den Ideen der Schönheit und den Gleichnissen von Gott und Welt. Hier gibt es nur im Geistigen strahlende Siege oder Niederlagen und ein beständiges Ringen um die