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Vorwort der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung Das Kurfürstentum der Wettincr zählte in der frühen Neuzeit zu den einflussreichsten Fürslcntüniern im römisch-deutschen Reich. Der Aufstieg Preußens verwies Sachscn dann in die zweite Reihe der deutschen Mitteistaaten, die an politischer Macht weil hinter dem Habsburgerreich und Preußen zurückfielen. Doch dieser Machlverlust wurde im 19. Jahrhundert kompensiert durch den Aufstieg zum Kulturland Sachsen mit Weltgeltung in Wissenschaft, Kunst und Musik sowie zum industriell bedeutsamen Standort in Deutschland. Die Schaffung eines deutschen Nationalstaates beschränkte die politische Eigenständigkeit der Länder erheblich und ließ auch das dominante Preußen im Deutschen Reich aufgehen. Die Nationalsozialisten konnten ebenso wie die Kommunisten keine Länder zulassen, die eigenständig und mit der rechtlichen Möglichkeit zur Blockade oder gar zum Widerstand die Partei- und Herrschaftshierarchie durchbrechen können.
So ließe sich grob verkürzt ein Abriss der sächsischen Geschichte von der Neuzeit bis ans Ende des 20. Jahrhunderts entwerfen. Und aus den Wandlungen der deutschen Staatlichkeit ergeben sich konkrete Folgen für die Schwerpunktsetzungen einer Gesamtdarstellung. Ehemals eindrucksvolle Landesgeschichte verändert ihren Charakter bis hinab zur Regional- oder Provinzgeschichte. Der Autor dieser Geschichte Sachsens orientiert sich deshalb zu Recht an den Veränderungen des politischen Rahmens im Hinblick auf den Stellenwert des Untersuchungsgegenstandes.
Dass seit 1989 wieder in größerem Umfang sächsische Landesgeschichte erforscht wird, ist ebenso erfreulich wie notwendig, und zwar besonders aus der Perspektive der politischen Bildung. Die im europäischen Vergleich einzigartig kontroversen Diskussionen um nationale Identität der Deutschen haben ihren Ursprung darin, dass über viele Jahrhunderte die deutschen Länderfürsten vorrangig Träger von nationaler Identität waren - soweit man diesen recht modernen Begriff so kontinuierlich anwenden wül - und kaum das römisch-deutsche Reich mit dem Kaiser an der Spitze.
Es ist aus der Sicht des 20. und 21. Jahrhunderts ein überraschendes Phänomen, dass eine vom PluraHsmus geprägte Gesellschaft hinsichtlich der poh-tischen Organisationsformen bei weitem nicht so vielgestaltig ist, wie dies in der Geschichte der Fall war. Immer wiederkehrende Tendenzen einer stärkeren politischen Zentralisierung haben zuletzt in der alten Bundesrepublik Deutschland den Spielraum der Länder und ganz markant den der Kommunen gegenüber der Ausgangslage von 1949 verringert. Somit kann sächsische Geschichte von der Neuzeit bis zur Gegenwart unter anderem den kritischen Blick für langfristige Entwicklungen deutscher und europäischer politischer Organisation schärfen, auch wenn aus den historischen Gegebenheiten kein bestimmtes Urteil abzuleiten ist.
Solch spekulative Gedanken vermitteln vielleicht einen Vorgeschmack auf die geistigen Anregungen, die in der Beschäftigung mit historischen Ereignissen und Entwicklungen schlummern. Diese verborgenen Anregungen zu bergen, bleibt Aufgabe der Leser. Der Autor lenkt sie in diesem Band nicht in eine vorgegebene Richtung und fordert dad urch geradezu zum eigenständigen Mitdenken und Interpretieren auf. In diesem Sinne formulieren wir unseren Wunsch für die politische Bildung in Sachsen nach den Worten Jacob Burckhardts: Geschichte macht den Menschen nicht klug für ein andermal, sondern weise für immer. Wir lernen aus der Geschichte nicht, was wir tun sollen, aber wir lernen aus ihr auf jeden Fall, was wir bedenken müssen!
Dr. Wolf-Dieter Legall, Direktor Werner Reilecke. Referat Publikationen