VORREDEUnter den Denkern unseres Jahrhunderts ist Georg Lukács einer dereinflußreichsten; einflußreich in verschiedenen Perioden seines Wirkens:mit dem Frühwerk , das aus dem Geiste derLebensphilosophie geboren, Simmeis Einwirkung nicht verleugnend, injene Epoche der gesellschaftlich noch nicht klar gerichteten Gärung ge-hört, die in Deutschland durch den Expressionismus bezeichnet ist; dannmit dem ersten großen Zeugnis marxistischer Geschichtsphilosophie, und parallelen Schriften zur Literaturgeschichte,die aus den Prinzipien der...
VORREDEUnter den Denkern unseres Jahrhunderts ist Georg Lukács einer dereinflußreichsten; einflußreich in verschiedenen Perioden seines Wirkens:mit dem Frühwerk , das aus dem Geiste derLebensphilosophie geboren, Simmeis Einwirkung nicht verleugnend, injene Epoche der gesellschaftlich noch nicht klar gerichteten Gärung ge-hört, die in Deutschland durch den Expressionismus bezeichnet ist; dannmit dem ersten großen Zeugnis marxistischer Geschichtsphilosophie, und parallelen Schriften zur Literaturgeschichte,die aus den Prinzipien der Rationalität und der Aufklärung die fort-schrittliche kämpferische Gegenposition zum Irrationalismus und Ob-skurantismus der spätbürgerlichen Ideologie entwickelten. Die Frucht-barkeit des Einflusses von Lukács zeigt sich stets nicht nur darin, daßer Methoden und Aspekte aufweist, sondern vielleicht noch mehr dar-in, daß er zum Widerspruch herausfordert und den Kontrahentenzwingt, sich über die eigene Position klarzuwerden, so daß selbst in derNegation, wo sie sich auf die sachliche Ebene des Arguments begibt,noch etwas von der Luzidität Lukácsschen Denkens Widerscheinenmuß.Lukács ist ein engagierter Denker. Es gehört zu seinem Stil, daß dieDenkbewegung vom konkreten Fall, vom gegebenen Anlaß ausgelöstwird. So sind die meisten seiner Arbeiten Einzeluntersuchungen, die aufdem Umkreis um eine gemeinsame Mitte liegen. Diese Mitte, den philo-sophischen Kern seines Werkes, konnte Lukács erst in hohem Alter zumausdrücklichen Gegenstand der Betrachtung machen; die Summe seinerPhilosophie steht noch aus, ihr erstes Glied ist der zweibändige ersteTeil der <Ästhetik>, ihr soll zunächst eine folgen.Daß es für den Leser Lukácsscher Schriften nutzbringend sein würde,erste und vorläufige Sonden in dieses Zentrum vorzutreiben, in demseine Auffassungen verwurzelt und begründet sind, war der Gedankedes Herausgebers des vorliegenden Bandes. Es sollte sozusagen dem Pro-duktionsprozeß des Gelehrten vorgegriffen werden, um so für eine brei-tere Leserschaft den Zugang zu seinem vielseitigen Werk zu öffnen undzu erleichtern. Die Form des Gesprächs, in dem schwierige Sachverhalteund Deduktionen abgekürzt auf einfachere Formulierungen gebrachtwerden, bot sich an. Gespräche, die auf Tonband aufgenommen werdenkönnen, mußten den mehr als Achtzigjährigen weniger belasten undvom Fortgang der großen eigentlichen Arbeit abhalten, als es eine kurze
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