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DAS KIND KALIBAN
Bis zu der Zeit, da George Webbers Vater starb, gab es in Libya Hill manche nimmerverzeihende Seele, für die dieser Mann nicht nur Weib und Kind verlassen, sondern durch das Zusammenleben mit einer anderen Frau seiner Verworfenheit gleichsam die Krone aufgesetzt hatte. Die Tatsachen an sich mögen im großen und ganzen stimmen; was aber ihre Auslegung anlangt, so kann ich nur sagen: das endgültige Urteil möchte ich lieber Gott dem Allmächtigen überlassen oder seinen zahlreichen Gesandten, die offenbar zu seinen Sprechern auf dieser Erde berufen sind. In Libya Hill gibt es eine ganze Menge von ihnen - mögen sie sich darüber äußern. Ich für mein Teil kann nur sagen, daß John Webbers Verrat an seiner Frau als nackter Tatbestand nur allzu wahr ist, was auch keiner seiner Freunde je abzustreiten versuchte. Nebenbei bemerkt: Mr. Webber hatte Freunde.
John Webber stammte aus einer pennsylvania-deutschen Familie und war bereits im Jahre 1881 „aus dem Norden" nach Old Catawba gekommen. Er wurde als Maurer und Baumeister nach Libya Hill geschickt, um den Bau des neuenHotels zu beaufsichtigen, das die Corcorans imZentrum, auf dem Belmont Hill, errichteten. Die reichen Corcorans hatten manche Grundstücke in diesem Stadtteil aufgekauft und planten großzügige Neubauten, deren Mittelpunkt das Hotel werden sollte. Zu jener Zeit stand der Bau der Eisenbahn kurz vor seiner Vollendung, und ein oder zwei Jahre zuvor hatte der nordamerikanische Millionär George WiUets in der Bergwildnis mehrere tausend Morgen Land erworben, um dort das Projekt einer großen, in Amerika einzigartigen Landsiedlung zu verwirklichen. Unaufhörlich zogen neue Leute in die Stadt; täglich sah man auf den Straßen neue Gesichter. Es lag in der Luft, und alle spürten es: große Dinge würden geschehen, Libya Hill stand eine glänzende Zukunft bevor.
In jener Zeit warf die Stadt ihre Eierschalen ab. Sie entwickeke sich aus einem unzugänglichen, weltverlorenen Gebirgsdörfchen mit einigen tausend alteingesessenen Einwohnern zu einer betriebsamen modernen Stadt, von der Eisenbahnlinien nach allen Teilen des Landes ausgingen und deren Bevölkerung einen stetigen Zuwachs von wohlhabenden Fremden erfuhr, die sich, angelockt von der schönen landschaftlichen Lage, in dieser Stadt niederlassen wollten.
Damals also kam auch John Webber nach Libya Hill, blieb dort hängen, kam in bescheidenen Maßen vorwärts und prägte der Stadt seinen Stempel auf. Als er kam, war sie ein kleines Dorf mit Schindelhäusern, und als er starb, hinterließ er eine aufblühende Stadt mit massiven Backsteinbauten. Das war so seine Art: er liebte das Solide und Dauerhafte.