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Leitartikel
Nationalismus und Religionsfreiheit
Die vorliegende Ausgabe unserer Zeitschrift beschäftigt sich mit „Nationalismus und Religionsfreiheit". Wir haben uns für dieses Thema entschieden, obwohl die Gefahr bestand, dass es eventuell ein wenig „konturlos" geraten könnte. Das Hauptproblem besteht nämlich darin, dass das Wort „Nationalismus" viele unterschiedliche Bedeutungen und Assoziationen annehmen kann, je nach dem, wer es verwendet. Es gibt zweifellos viele Typen und Formen von Nationalismus. Der Begriff wird häufig durch Adjektive näher bestimmt - was aber in vielen Fällen nicht wirklich hilfreich ist. Einige Zusammensetzungen - wie z.B. „Nationalsozialismus" - sind historisch schwer belastet, andere wiederum sind ebenso uneindeutig wie das Wort Nationalismus selbst.
Um die Diskussion zu vereinfachen, haben wir uns für eine der historischen Definitionen entschieden, für jene, wonach der Nationalismus ein Produkt der Renaissance und der Reformation ist und nach der Französischen Revolution zur vollen Entfaltung gelangte. Dieser Nationalismus erblühte im 19. Jahrhundert und führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Bildung einer Reihe von Nationalstaaten in Europa. Skeptiker würden wahrscheinlich noch hinzufügen, dass er in eben diesem Jahrhundert auch die Ursache für die beiden „Welt"kriege war.
Im Rahmen der Unabhängigkeitsbewegungen in verschiedenen Teilen der Welt tauchte das Phänomen noch einmal mit voller Kraft in den 1950er und 1960er Jahren auf. Die neu entstehenden Länder suchten nach einer Ideologie, die zum einen die Existenz der neuen Staaten rechtfertigte und zum anderen vereinheitlichende Elemente lieferte, die man brauchte, um eine nationale Identität zu schaffen.
Innerhalb dieses Kontextes möchten wir die Aufmerksamkeit auf zwei Arten von Nationalismus lenken: auf den weltlichen und den religiösen. Unter Nationalismus verstehen wir eine Ideologie, die sich auf eine gemeinsame Geschichte, Sprache und oft auch einen gemeinsamen „Mythos" stützt. Beim religiösen Nationalismus kommt noch eine besondere religiöse Überzeugung hinzu. Religiöse Nationalisten verfolgen in der Regel sowohl nationale als auch religiöse Interessen. Das Problem
Gewissen und Freiheit Nr. 64/2008 3