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V O R O R T
Giorgione galt einst — wenigstens bis zu den Untersuchungen Giovanni Morellis — als der Begründer und gleichzeitig als das Symbol der Malerei. Man fühlte instinktiv, wenn auci- durch die Widersprüche der Tradition hindurch, dass die Aufhellung der ihm von seinem Lehrer Giambellino und Antonello, seinem gesitigen Führer, überlieferten Unterlagen eine Offenbarung bedeutete.
Das Vertrauen zur aufbauenden Farbe, die allein durch ihren Gehalt Form und Raum gleichzeitig schafft, ohne plastische und perspektivische Beschwerung und realistische Beschränkung, war in ihm so spontan und notwendig wie der Atem. Sollte ihn gerade die moderne Wissenschaft mit ihrem penelopenhaften Bemühen zu einem Rätsel machen?
Gewiss, genau genommen könnte man sagend dass ein echter, standfester, vertrauenswürdiger Giorgione nach so langer Irrfahrt nicht mehr existiert, so sehr haben die einen, die Optimisten, sein Schaffen bis zum äussersten erweitert und die anderen, die Pessimisten, es bis ins Unglaubliche geschmälert.
Historischer, kritischer und mythischer Furor taten sich zum Angriff zusammen und es wäre nichts übriggeblieben als eine schöne Ruine, wenn die wenigen Dinge, die dem Verdacht entgingen, nicht ausreichten, um sein herrliches Antlitz zu offenbaren: verdüstert vielleicht, aber unanfechtbar.
Es genügt, dies reine Antlitz neben die möglichen Werke zu rücken, um zu sehen, dass es verklärt erscheint, für jede Trübmig unempfänglich. Wird man Giorgione erst die Schüler, Mitarbeiter und Beeinflussten nicht gegenübergestellt, sondern als Anhaltspunkte für ebensoviele Etappen angenähert haben: Etappen, die für die anderen ihr ganzes eigenes Licht bedeuten, für ihn aber nur einen Moment seines belebenden Ausdrucks, dann wird das Bild vervollständigt sein: vervollstäntigt ohne Vergewaltigung und ohne Katastrophen, in jener Einheit, die zu den köstlichsten und zartesten der Kunst gehört.
Wie ebensoviele Spiegel wird man vorüberziehen sehen: Giulio Campagnola, den Schatten seiner Jugend; Vincenzo Catena, den Gefährten der Zeit seines Aufstiegs; Se-bastiano del Piombo, den Getreuen aus den Jahren der Reife; und schliesslich Tizian, den Auswerter seiner letzten Errungenschaften.
Jeder wird seine Schlüsse nach eigenem Ermessen ziehen und man möchte sagen, auf eigene Gefahr; aber eines wird jedenfalls feststehen: dass Giorgione an diesem Firmament die grosse treibende Kraft ist, die allzu rasch verschwand, doch nicht so rasch, als dass man sie nicht die Geschicke der modernen Malerei einleiten fühlte.