Bővebb ismertető
Ein später Gast
Das Leben bringt mancherlei Anlässe mit sich, die zum Rückblick zwingen, zur nachdenklichen Umfassung unserer teils heftig, teils still gelebten Jahre. Es kann dankbar oder bitter vor sich gehen, in Wehmut oder Zorn, doch niemals geschieht es ganz ohne Verwunderung.
Auch Ilka Amroth wundert sich an diesem ihrem siebzigsten Geburtstag. Sie ist so alt wie das Jahrhundert, damit wäre der Zeitpunkt des Einstiegs gegeben, und der Ort ist BerUn, gleich links vom Kurfürstendamm. Man wird noch zurückgehen müssen, mit und ohne Ilka, meistens mit ihr, und ein wenig Zukunft steht auch noch aus. Im Augenblick aber halten wir die Zeitmaschine an und werfen einen Blick auf Ilkas drehbaren Kalender: es ist der zweite September des Jahres neunzehnhundertsiebzig. Ein Mittwoch, und ein sehr warmer Tag.
Sie ist früh aufgestanden, noch früher als sonst, und sitzt nun auf dem kleinen Balkon hinter der Küche bei Kaffee und Toast. In ihrer Geistesabwesenheit ißt und trinkt sie besonders langsam und raucht danach eine Zigarette, die einzige des Tages. Der Hinterhof ist eng wie ein Lichtschacht, unten von feuchter Dämmerung verschleiert, oben durch einen Streifen Morgensonne kenntlich gemacht, man sieht eine Reihe Fenster, deren eines wie von unsichtbarer Hand bewegt soeben aufblitzt.
Nicht immer gab es hier diesen Hof. Als Ilka die Beletage ihres mehrstöckigen Hauses bezog - ihres eigenen Hauses, wohlverstanden -, senkte sich an der Rückwand eine steile Treppe geradewegs in einen ausgedehnten Garten hinunter. Ein paar Birken und eine Hainbuchenhecke schlössen ihn ab, verbargen die dahinterliegende verkehrsreiche Straße und schluckten den Lärm. Man fand häufig solche stille Gärten mitten in BerUn, damals. Über eines wundert sie sich am meisten: daß ihr Damals nämlich mit einem genau datierbaren Tag zu Ende ging, mit dem ersten März des Jahres dreiundvierzig. Da zerstörte ein Luftangriff die Treppe, verwüstete den Garten, riß Häuserlücken in die ehemals festgefügte Straße. Ihr eigenes Haus blieb verschont. Aber der Blick vom Küchenbalkon sagte es ihr am Morgen nach der Schrek-kensnacht, daß nichts mehr sein wird wie vorher. Sie hätte es schon vier Jahre früher wissen müssen, als sie ihr ahnungsloses Kind in
I,'I
,r ! ¦ '
Ii. •¦,1'.^
•O l r^^!