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Die Buchwette der Straßenhändler !
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Es geschah an einem Herbsttag des Jahres 1936 am Moldau-Kai, wo die Prager »Národnk, die Nationalstraße, endet. Zwei Emigranten aus Deutschland oerdienten ihr Zubrot damit, an gegenüberlie- [ genden Straßenecken Zeitungen anzupreisen und zu oerkaufen. Der jr eine stand oor dem Eingang des »Café Slavia« und rief laut über die Straße: »Reichenberger Vorwärts, Reichenberger Vorwärts«! Der andere an der Säulenreihe des Nationaltheaters schrie: »Halo No- r viny. Halo Nooiny«! - das hieß: »Hallo, Neuigkeiten« auf tsche- | chisch. Eigentlich nichts Aufregendes. Zwei fíiegende Straßenhänd- [!; 1er, die sich laut Konkurrenz machten. Die nordböhmische kommu- H' nistische Zeitung »Vorwärts« oertrieb der Dichter Kurt Bartel, ge- j; nannt Kuba; die tschechische Zeitung oerkaufte ich. Abgesehen oon Ii" der Straßenkonkurrenz, waren wir eng befreundet. jf' Als wir abends im Emigrantenquartier beisammen saßen, erzählte | ich Kuba, welche Bedeutung für mein gahzes Leben die Schulkame- Ii:-radschaft mit einem Arbeiterjungen gehabt hatte, die zu einer un- e zerreißbaren Freundschaft führte. Auch Kuba berichtete über seine j:. Kindheit im bergigen Gornsdorf und erinnerte sich an manche Kin-derstreiche. Wir gerieten in einen Erzählertaumel bis spät in die Nacht Schließlich beschlossen wir, einen Jugendroman zu schreiben. Jeder über seinen Kinder- oder Jugendhelden. Einen Roman für Kinder, aber ebenso für junge Leute und solche Erwachsenen, die Kinder gerne mögen. Wir wetteten sogar darum, wer zuerst fertig werden würde. Worum es ging, wie hoch der Einsatz war, das habe ich oergessen. Wichtig war nur: die Wette gilt! Und sie galt! Kuba, entschlossen, impulsio, dynamisch, machte sich sofort ans Werk, während ich es gemächlicher anging. In die Zeit fielen kon-spiratioe Grenzarbeit, Illegalität, die Besetzung der CSR durch die Nazis, unsere Flucht durch drei Länder nach England. Von Kubas »Niet« erschien kaum ein Dutzend Fortsetzungen im Reichenberger i,
»Vorwärts«, dann wurde die Zeitung verboten. Ich schrieb meinen Roman hinter Stacheldraht, im Internierungslager, im Luftschutzbunker, in der großen Schichtpause als Inspektor im Flugzeugwerk de Hauilland, ich schrieb ihn nach der Zwölfstundenschicht im Autobus und im Vorortzug auf dem Hin- und Heimweg. Das war ich Feliks Pietruschinski schuldig, dessen Name uns schon in der Schulklasse viel zu lang war, so daß wir ihn in »Piddl« änderten. Oft schob der harte Alltag unsere literarischen Absichten, Ziele und Träume auf ein Nebengleis; denn Vorrang hatte für uns im Exil die politische und künstlerische Agitationsarbeit. Wir wurden in der Spielgruppe gebraucht, im Chor, in der Presse. Doch Ende 1944 war es so weit Erlöst setzte ich den Schlußpunkt unter den Roman »Glück auf, Piddl!«. Kuba brachte sein »Gedicht vom Menschen« mit nach Berlin. Zu Piddl, meinem mutigen und besten Freund, bin ich in meinen späteren Büchern immer wieder zurückgekehrt.
Berlin, März 1984
Jan Koplowitz