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VORREDE ZUR HUNDERTSTEN AUFLAGE A Is Knabe hatte ich ihn erwahlt, ohne ihn zu kennen, und doch sind über zwanzig Jahre vergangen, bevor ich sein Buch aufschlug, das mich mit so magischer Kraft angezogen hatte. Wenn mir zuweilen ein Band in die Hande fiel, schlug es mir feurig daraus entgegen, ich machte ihn zu, um nicht zu verbrennen. Sah ich aber eineDarstellung seinesLebens, so vermochte ich sie nicht zu lesen, denn meinen ungewissen Gefiihlen schien vieles irrig oder doch von einer Seite angefafit, die mir fremd war. Was ging mich die...
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VORREDE ZUR HUNDERTSTEN AUFLAGE A Is Knabe hatte ich ihn erwahlt, ohne ihn zu kennen, und doch sind über zwanzig Jahre vergangen, bevor ich sein Buch aufschlug, das mich mit so magischer Kraft angezogen hatte. Wenn mir zuweilen ein Band in die Hande fiel, schlug es mir feurig daraus entgegen, ich machte ihn zu, um nicht zu verbrennen. Sah ich aber eineDarstellung seinesLebens, so vermochte ich sie nicht zu lesen, denn meinen ungewissen Gefiihlen schien vieles irrig oder doch von einer Seite angefafit, die mir fremd war. Was ging mich die geistesgeschichtliche Stellung eines Dichters an, der für und auf mich aufíerhalb der Geschichte wirkte, wie jesus auf den Gláubigen? Was konnte ich wiederum mit einem Manne machen, von dem man schrieb, er habe sein Leben bewufit so aufgebaut, dafí es sein gröíkes Kunstwerk werde? Las ich, er habe das Leben eines Glücklichen gelebt, so sperrte sich meine Ahnung gegen solche schlichten Harmonien. Das Vorurteil, dem ich durch zwanzig Jahre nachgegeben, das Vorgefühl, dem ich vertraute, war nicht aus seinen Werken aufgestiegen; ich kannte nur, was alle Welt kennt. Götz, Hermann, selbst Werther, die Lehrjahre und íphigenie erschienen mir nur wie Kostbarkeiten, die man sammelt, nicht wie Erlebnisse. Auch spáter kannte ich weder die Wanderjahre noch den Diwan, weder Pandora noch die Xenien, weder die Maximén und Reflexionen noch die Farbenlehre, weder Mineralogie noch den Band Zur Naturwissenschaft im Allgemeinen" noch die Ode an die Natúr, weder Tagebücher noch die wichtigsten Briefe. Nur Tasso, Faust, Wahlverwandtschaften und zwei Dutzend Gedichte lebten mit mir: durch sie hatte ich zuweilen wie durch Spalten in jenes rátselhafte Licht geblickt, dem ich durchaus nicht entgegenzutreten wagte. Aber ich kannte sein Antiitz. Da war mir, im Jahre 1912 oder 13, ein Band zugefallén, der 167 Bildnisse von Goethe vereinte: dieser hatte mich in den letzten Jahren nicht verlassen, ihn hatte ich durch und durch studiert, das Bild von Lips, die Maske, und die Zeichnung von Schwerdgeburth, alsó den Mann von 40, von gegen 60 und von 82 aufgehángt, und aus allén diesen Bildern in einem Aufsatz von zehn Seiten die Geschichte seines Lebens geschrieben, nur unterstützt von einigen Briefstellen, die in der Einleitung des Bilderbuches standén. Diese Bilder und die fünf Orphischen Urworte, die ich im selben Jahre beim Hausbau in den Tragebalken meines Zimmers schnitt, waren meine

Termékadatok

Cím: Goethe [antikvár]
Szerző: Emil Ludwig
Kiadó: Paul Zsolnay Verlag
Kötés: Vászon
Méret: 150 mm x 220 mm
Emil Ludwig művei
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