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Die in dieser Veröffentlichung vorgestellte Auswahl von Werken umfaßt die bedeutendsten Schöpfungen der Tafelmalerei in Polen aus der Zeit von 1350 bis 1510. Tafelbilder, mit Temperafarben auf kreidegrundierte Holztafeln gemalt, sind eine charakteristische Erscheinung der Kunst des späten Mittelalters. In Polen lassen sich erste Beispiele vereinzelt bereits für das 13. Jahrhundert in Anspruch nehmen. Auch nach 1510 entstanden noch Bilder in dieser traditionellen Technik, jedoch sind sie von geringerem Rang. Die aus kunsthistorischer Sicht wertvollsten Werke entstammen der hier behandelten Periode.
Die Denkmale der Tafelmalerei in Polen sind im wesentlichen Schöpfungen unbekannter Meister. Max J. Friedländer hat, auf die Erforschung des Schaffens solcher anonymen Maler anspielend, einmal sehr bildhaft vom „Parademarsch der Kennerschaft" gesprochen. Diese Äußerung enthält die höchste Wertschätzung der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet der mittelalterlichen Kunst und weist zugleich puf die Schwierigkeiten hin, mit denen auch der interessierte Betrachter und Leser konfrontiert wird, der sich mit ihren Regeln beschäftigt und ihre Besonderheiten zu begreifen sucht. Während wir nämlich, wenn wir die Kunst späterer Epochen analysieren, die Lebensläufe der Künsüer zu Rate ziehen und aus der Wechselwirkung von Biographie und Werk schlußfolgern können. stehen wir beim Studium der gotischen Malerei vor zahlreichen Rätseln. Um diese zu lösen, müssen detaillierte Stilanalysen vorgenommen, langwierige archivalische Nachforschungen betrieben und unzählige Werkvergleiche angestellt werden, wenn man zu einer allgemeingültigen Aussage gelangen will.
Diese Situation resultiert sowohl aus dem Umstand, daß sich nur wenige schriftliche Dokumente bis in unsere Zeit erhalten haben, wie auch aus der religiösen Gebundenheit des mittelalterlichen Menschen, der im Kunstwerk eine Schöpfung zum Preise Gottes sah, hinter der der Künstler selbst zurückzutreten hatte. Eine solche Auffassung entsprach der spirituellen Weltsicht dieser Epoche, die ihren Ursprung in der dominierenden Rolle der Kirche als geistiges und kulturelles Zentrum im damaligen Feudalsystem hatte. Hauptanliegen der überwiegend sakralen Kunst war es, dem des Lesens unkundigen Volk die theologischen Inhalte in bildhafter Form zu vermitteln. Der Name des Schöpfers des Werkes trat demgegenüber in den Hintergrund.
Die Zuschreibung an eine Landschaft, Werkstatt oder gar Künstlerpersönlichkeit wird noch dadurch erschwert, daß das Mittelalter den Begriff des Plagiats, so wie wir ihn heute verstehen, nicht kannte. Ein Kunstwerk ging nach seiner Fertigstellung in den Besitz der christlichen Gemeinschaft über, und als solcher war es weder urheberrechtlich noch vor dem Kopieren geschützt; häufig empfahl nachgerade ein Auftraggeber, wenn er einen Altar für eine Kirche bestellte, dem Künstler, sich ein anderes bekanntes und geschätztes Werk zum Vorbild zu nehmen. So schloß zum
Beispiel Adam, ein Maler aus Krakau, im Jahre 1486 einen Vertrag mit dem städtischen Rat von Olkusz über die Ausführung eines Altars für das dortige Augustinerkloster, als dessen Muster das Polyptychon der Pfarrkirche St. Andreas am selben Ort dienen sollte. Diese Auffassung hatte zur Folge, daß einzelne Motive, ja die Gestaltung ganzer Szenen von berühmten Vorbildern entlehnt wurden. Durch die Wanderungen der Gesellen und Meister in entfernte Kulturzentren erscheinen ähnliche Motive und formale Lösungen in verschiedenen europäischen Ländern, und räumlich weit getrennte Werke tragen häufig den Stempel eines gemeinsamen Urbildes.
Besondere Beachtung verdient hier auch die Vermittlerfunktion der Graphik. Von bekannten Künstlern geschaffen und dank der Vervielfältigungsmöglichkeiten in zahlreichen Abzügen verbreitet, gelangten ihre Werke von Ort zu Ort als handliche Hilfe bei der Ausführung von Gemälden. Eine hervorragende Rolle in der europäischen Malerei spielten die Blätter deutscher Stecher, vor allem des sogenannten Meisters E S und Martin Schongauers.
Oft jedoch hat sich das gemeinsame Vorbild verschiedener Werke nicht erhalten, und so erscheint uns eine überkommene Tafel separiert, schwer einem geographischen Bereich, einer Malwerkstatt oder gar einer konkret zu fassenden Künstlerpersönlichkeit zuzuordnen. Wenn hier das Wort „Werkstatt" fällt, so muß man unterstreichen, daß wir im Falle der gotischen Malerei - und besonders in Polen - häufiger von einer Werkstatt als von einem bestimmten Meister sprechen können. Die Arbeit eines Künstlers wurde in der damaligen Gesellschaft als eine handwerkliche Tätigkeit angesehen. Sie unteriagdenengen Gesetzender Zunftordnung, deren kleinste Zelle eben die Malwerkstatt war. Der in die Zunft eintretende Lehrling wurde nach Ableistung einer mehrwöchigen Probezeit auf einige Jahre zur Ausbildung angenommen. Die Dauer war in den einzelnen europäischen Städten verschieden geregelt {zwei bis sechs Jahre). Nach Beendigung der Lehrzeit erfolgte die Lossprechung des Schülers als Geselle, der auch Genosse genannt wurde. Vor der Übernahme von Werkstattaufgaben war er verpflichtet, im In- oder Ausland auf Wanderschaft zu gehen, um sein fachliches Wissen zu erweitern. Die Ziele, die die Gesellen aufsuchten, waren verschieden, doch spielten Handelswege des Heimatortes bei der Festlegung der Route oft eine Rolle. Nach Ankunft in der von ihm gewählten Stadt trat der Bursche bei einem Meister ein. Dort wurde er mit neuen Werken bekannt und fertigte häufig Skizzen von ihnen an, die erspäterwiederverwendete. Nach Rückkehr in die Heimat mußte er, wenn er den Meistertitel eriangen und eine eigene Werkstatt gründen wollte, eine selbständige Arbeit ausführen, die seine Befähigung auswies. In der Krakauer Zunft war er verpflichtet, drei Bilder zu malen: die Muttergottes mit dem Jesuskind, den heiligen Georg zu Pferde sowie einen Kruzifixus.