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EINE STUNDE BEI UNS SELBST
Auf ein Wort unter uns
Liebe Mitbrüder,
gelegentlich einer Konzelebration konnte ich eine Beobachtung machen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Der Celebrans principális, Doktor der Theo-logie, in der Unterhaltung gewitzt und geistvoll, ganz und gar nicht von gestern, schickte sich an, die Eucharistiefeier zu eröffnen. Etwas umstandlich hantierte er mit einer Vorlage, setzte schliefilich seine Brille ab und nahm den Text mit beiden Handen dicht vor die Augen. Als er ihn kurz überflogen hatte, las er Wort für Wort die Begrüfiung vor. - Dieses Vorgehen pafit zu einer Episode, die vor dem Krieg über den altén Hindenburg kolportiert wurde. Vor grofiem Publikum habe er »eine Rede« vorgelesen und sei jedesmal ins Stocken geraten, wenn er mit einer Seite des Manuskripts zu Ende kam. So auch ganz am Schlufi, der mit einem donnernden Hurrá den Höhepunkt der Begeisterung für Volk und Vaterland zum Ausdruck bringen sollte. Unglücklicherweise habe das dritte Hurrá erst auf dem nachsten Blatt gestanden.
Solche Bosheiten in einer so ernsten Sache, in einem so ernsten Buch?! Man kann nicht drastisch genug auf Gedankenlosigkeit und sinnwidriges Verhalten aufmerksam machen. Beim erwáhnten Zelebranten führte námlich nicht Alters-oder Gedáchtnisschwache zu seinem kuriosen »Auftritt«. Als er eine kurze Pause gemacht hatte, um den Text der Einführung zu begutachten, legte er abrupt das Buch beiseite und sprach in ganz natürlichem Tonfall, Aug in Aug seine Zuhö-rer an. Ereignisse vom Tag zuvor, die noch alle bewegten, verstand er sehr ge-schickt mit der Mefifeier zu verbinden. Die Ausführungen gerieten ihm aller-dings erheblich zu lang, denn er war - Sie habén es lángst bemerkt - nicht vor-bereitet.
Es geht hier nicht um ein Scherbengericht, sondern schlicht um die Frage: Sind wir mit vollstándigen und ausformulierten Texten zur Liturgie - alle, die solche anbieten - nicht selbst daran schuld, wenn sich der eine oder andere blindlings auf das verlafit, was er schwarz auf weifi im Sakristeischrank stehen hat? Dieser Gefahr sehr wohl bewufit, habe ich zu unseren ersten »Einführun-gen« in 1/73 geschrieben: »Wie bei den Predigten kann es sich nur um Anregun-gen und Vorschlage handeln, die für die je eigenen Gegebenheiten der örtlichen Gemeinde noch zu aktualisieren sind. Diese Mühe kann keinem Seelsorger abge-nommen werden.« Schon Monate vor meinem Urlaubserlebnis sind wir nun übereingekommen, unübersehbar und an jedem Sonntag auf diesen Punkt hin-zuweisen, und zwar vor jedem Text mit einer deutlich abgehobenen Zeile: Anre-gungen und Auswahltexte zui Liturgie. - Die Gestaltung einer Eucharistiefeier ist anspruchsvoll. Sie wird nur in immer neuem Bemühen gelingen.
Mit freundlichen Grüfien
Ihr P. Alfons Schrodi