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„Denke daran, daß du in das Land kommst, in dem zuerst die Menschlichkeit und die Wissenschaften entdeckt worden sind. Habe Ehrfurcht vor dem alten Ruhm dieses Landes selbst in seinem jetzigen Greisenalter, das bei Menschen ehrwürdig, an Stätten aber heilig ist. Habe vor Augen, daß dies das Land ist, das uns die Ge= setze gegeben, nicht als Besiegten, sondern als um diese Gesetze Bittenden."
Diese Mahnung des Römers Plinius d. Jg. (loo n. Chr.) gilt heute noch; denn die Diskrepanz zwischen Glanz und Ruhm der Blütezeit Griechenlands und seiner dürftigen Spätzeit ist jetzt noch sichtbarer als in des Plinius Tagen. Die Notwendigkeit der diesem Lande; hängten Kulturbrachen mit Armut und Machtlosigkeit mag begrün= det sein gerade in der Höhe des von diesem Volk geistig Geleisteten. Von seinen Gedanken, Taten und Lebensformen zehren nicht nur das Abendland, sondern selbst amerikanische Kontinente.
Nur an Einiges, was Griechenland der Welt geschenkt hat, sei erinnert: Der Mensch als denkendes und geistig empfindendes Geschöpf ist durch seine Dichter und Weisen zum ersten Mal in Erscheinung getreten. Die Versuche, kausale Zusammenhänge in sichtbaren Erscheinungen der Natur zu erkennen, haben zu Philo= Sophie und Wissenschaft geführt. An dieser Durchleuchtung der eigenen Existenz des denkenden Menschen und seiner Umwelt hat sich die Freiheit des Individuums entzündet. Die siegreiche Abwehr des Orients (480 v. Chr.) hat das Verlangen nach demokratischer Freiheit erweckt, das in Zeiten der Gewaltherrschaft heftiger auf= flammte, in der Römerzeit ebenso wie in Renaissance und Gegen= wart. Aus diesem leidenschaftlichen Willen, nicht als Mensch einer Horde, sondern als Mensch mit eigenem Schicksal und eigener Ent= Scheidung zu leben, ist der Humanismus in seinen vielen Nuancen entstanden. Ethik und Moral sind erwacht. Seitdem konnten sie nur zeitweilig zum Verstummen gebracht werden. Diese Erweckung des Geistes aus der dumpfen Vitalität des Herdendaseins konnte nur Ereignis werden durch eine neue religiöse Ergriffenheit und Schau der übernatürlichen Mächte. Weil Griechen das dem Menschen Un= faßbare nicht in Gestalt von Tier, Dämon oder Moloch wahrgenom= men, sondern in Wesen und Gestalt des Menschen, ist Religion und Kunst unseres Abendlandes möglich geworden. Es unterscheidet Griechen von allen anderen Völkern, daß ihre Götter die Gestalt eines vertrauten Menschen annehmen konnten, um dem Menschen göttlichen Willen kundzutun. Dies ist der Grund der Schönheit griechischer Gedanken, ihrer Sprache und ihrer bildenden Kunst.