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DIE AGAIS Hier sind im hohen Sommer die Stürme. Unter der Helle dieses Himmels, der allgegenwártigen Sonne des Juli, des August pfliigt seharfer Nordost háufig die Purpurbláue des Meeres; scháumend und aufsprühend werfen daun die weitanrollenden Wogen unser schlingerndes Schiff wie Treibholz hinauf, hinab. Fest liegen im Felskreis der Háfen die Boote der Fischer, und die Überseejacht, die den Ozean sicher querte, der Kutter mit seiner Fraoht, getroffen vom harten, um ein Vorgebirge, ein Inselkap niederfahrenden Wind, flüchten in die...
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DIE AGAIS Hier sind im hohen Sommer die Stürme. Unter der Helle dieses Himmels, der allgegenwártigen Sonne des Juli, des August pfliigt seharfer Nordost háufig die Purpurbláue des Meeres; scháumend und aufsprühend werfen daun die weitanrollenden Wogen unser schlingerndes Schiff wie Treibholz hinauf, hinab. Fest liegen im Felskreis der Háfen die Boote der Fischer, und die Überseejacht, die den Ozean sicher querte, der Kutter mit seiner Fraoht, getroffen vom harten, um ein Vorgebirge, ein Inselkap niederfahrenden Wind, flüchten in die náchste Bucht, geborgen. Hier trieb der Meergott mit Odysseus sein Spiel, jagte ihn von Eiland zu Eiland, lieB ihn verzweifeln, scheitern, immer wieder von neuem aufbrechen, so im jahrelangen Irren die Meerfahrt bestehen: Gesang und Mythos, der greifbare Wirklichkeit ist. Unter uns sinkt es tiefblau hinab in die Schwárze, steil und sich immer stárker verdichtend: das Dunkel, am Felsgestade von Limnos tausend Meter schrág nieder, an der Ostflanke von Rhodos über Kalke und Schiefer dreitausend Meter tief. Trágt uns der Flug von Athén nach Kavalla, so öffnet sich unter uns zum ersten Mai das Inselwunder der Ágáis aus Himmelssicht. Das lautlose meer- und lichtbrandende Scháumen an den Felsenküsten. Kleine und gröBere Eilande, phantastische Linien: weiB gewunden, straff, zerfasert, zerflammt, gezackt, flüchtig und streng, hingehaucht und massiv, sagenhaft in der tiefen Purpurbláue. Inseln ohne einen Weg, ohne ein Dach, baumlos. Nacktes gelbes Gehügel, Érden und Fels, gefangen vom Meer. Ihr steiles Geklüft und der jáh verdunkelnde Absturz in die Tausende Meter Tiefe oder der sanftere smaragdene der wenigen sandigen Buchten, bis nur undurchdringliche Bláue lágert, die das gewaltige Licht dieses Himmels gierig verzehrt. Im Westen von Kréta, da liegt es viertausend Meter unter der Fláche, eine unauslotbare Finsternis am Grund. Der war wie alle Gründe zwischen den Inseln hier vor Jahrmillionen Tal eines gewaltigen Urgebirges, in dem einst das Licht der Sonne lag, warmer, lebendiger Wind strich. Griechenland und das kieinasiatische Festland waren eins, ein machtiger Steinrumpf, der, in unvordenklicher Zeit aus dem Urmeer Tethys emporgestoBen, sich warf und faltete, erstarrte, bis im spáten Tertiár und der frühen Eiszeit er abermals unterirdisch in Bewegung geriet, in planetarischer Erdverschiebung und einem tektonischen Zusammenprall sich báumte, zerbrach, einsank: ein Massiv, das weit in die Libysche Wüste gereicht hatte. Und vom Westen her, über Spanien und das griechische Festland hinweg, fluteten die Wasser des Ozeans in die Senken, Brüche und Ebenen. Und wir fahren, wo einst Wolken schwebten, in den Zwischenráumen einer meerumklammerten Gebirgslandschaft. Um uns die altén Gipfel eines frühen Gebirges der Erde, des versunkenen Kykladenmassivs: die zweitausend Inseln der Ágáis. Aber noch ist die Bruchzone der Erdrinde nicht zur Ruhe gekommen, der mosaikartig zerbrochene Untergrund der Griechenmeere Ionien und Ágáis und des hellenischen Festlandes hebt und senkt sich, reibt sich unentwegt, so Tausende Meter höher im Gipfelreich, den Inseln, gewaltige Katastrophen beschwörend. Noch stehen auf Ithaka, auf Thira die Trümmer von den Beben der Jahre 1953 und 56 erschreckend da. Im groBen Bogén über Melos, Thira, Astipalaia, Nisiros, Kos láuft ein Erdbebengürtel zur anatolischen Küste und ein anderer vor Griechenlands Westrand über die Ionischen Inseln die Peleponnes entlang. Zweihundertsiebzig Beben im Jahr záhlt in normalen Zeiten der griechische Seismograph. Durch diese stete Erdrevolution ist aus der massiven Kalkdecke der Urzeit auf vielen Inseln (Ágina, Poros, Limnos, Kos, Thira, Therasia) junges vulkanisches Erstarrungsgestein ans Licht getreten. Viele der zweitausend Eilande sind namenlos. Unausdenkliche Gebilde, phantastische Planeten-Splitter, sanftgerundete Güsse, Zacken, flach gewölbte, zypressenschlanke Felsnadeln, übereinander sich schichtende Tafeln, Blöcke: Uberreste unserer altén Erde, seit Jahrtausenden umschifft, von Augen gegrüBt, erkannt, von Seefahrern gemieden, verflucht, alle verankert, breit und máchtig in der gefürchteten Tiefe, dem Reieh Poseidons, des Erderschütterers. Wir fahren, Tag um Tag betroffen von der Vielgestalt dieser Inselwelt, von ihrer Zartheit, Hárte und Schönheit, die immer gegenwártig ist von morgens bis abends, fern und nah, nachts schattenhaft geisternd wie aus griechischer Sage, das einsame Dunkel einer fast berührbaren Wand, die schweigend sich auflöst, in Nacht. Schönheit, die tags immer neu ersteht, wenn eine andere gerade hinter der Kimmung versinkt. Berührt von dem hellén Gepránge, den Traumgeburten des Steins, dem felsweiBen Glanz hoch, fern über dem naxischen Meer, vom lichten Tabakbraun, dem oxydierenden Gelb und Grau eines Eilands vor Asiens Küsten, dem Wunder eines dichten, langsam heller werdenden Violetts, nennt unsre Lippe die Namen der Inseln, die zeitlosen Schiffen gleich voriibergleiten. Steingewordene Segler, breitbugige Trieren, stolz und still, aufragende Buge, gescheitert, meerzerfressen, kieloben treibende, mastenlose Wracks. Und wir erinnern die zweitausendfünfhundert Jahre alte tönerne Schale, gezeichnet: Dionysos fáhrt mit kleinem Schiff

Termékadatok

Cím: Griechische Inselwelt [antikvár]
Szerző: Erich Arendt Katja Hayek-Arendt
Kiadó: VEB F. A. Brockhaus Verlag
Kötés: Félvászon
Méret: 230 mm x 300 mm
Erich Arendt művei
Katja Hayek-Arendt művei
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