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VORWORT DES VERLAGES
Der lange gehegte und vorbereitete Plan zu, einem Bildwerk über griechische Plastik ging von einem Erlebnis aus, wie es wohl jedem Besucher des Akropolismuseums und des Nationalmuseums in Athen zuteil wird: vor dieser Ansammlung herrlichster Originale ordnet sich manche Vorstellung von griechischer Kunst neu, die sich auf Grund von anderen Museen und Abbildungswerken, wo zumeist spätantike Werke und Kopien das Feld beherrschen, gebildet hat. Gewiß sind die antiken Kopien für unsere Kenntnis im Hinblick auf die vielen verlorengegangenen Originale von unschätzbarem Wert, aber in Technik und Haltung zeigen sie doch vor allem den Geist ihrer eigenen Zeit. Dies Buch möchte dagegen in einer Sammlung großer Abbildungen allein Originale sprechen lassen — soweit die Wissenschaft sie heute als solche anerkennt (wobei nicht verschwiegen werden soll, daß sich auch über diese Anerkennung die Gelehrten nicht in allen Fällen einig sind). Um die Bedeutung des archaischen und des klassischen Stils möglichst geschlossen hervortreten zu lassen, wurde nur die Zeit bis etwa um 400 v. Chr. berücksichtigt, wenn auch dabei der Verzicht auf manches herrliche spätere Stück schwer wurde — es möge drum, wie wir hoffen, einem anderen Band vorbehalten sein. Nach vorn beschränkten wir uns darauf, den Aufklang zum archaischen Stil zu geben.
Zuerst sollte überhaupt nur eine Auswahl der schönsten Stücke in den Museen Griechenlands gezeigt werden, aber um das Thema abzurunden, wollten wir schließlich nicht bei dieser allzu zufälligen Beschränkung bleiben; während der Arbeit, besonders nachdem der Verfasser des Textes, Prof. Gerke, seine wertvollen Anregungen hinzufügte, nahm der Bildteil immer mehr die Tendenz zu einer umfassenden Sammlung aller bedeutenden Originale des 6. und 5. Jahrhunderts an. Eine volle Verwirklichung dieser Tendenz lag jedoch außerhalb der Möglichkeiten dieses Bandes, und so mußte es denn notgedrungen bei der Willkür einer Auswahl bleiben. Auf manche kunstgeschichtlich bedeutsame Variante wurde verzichtet, manches Stück steht als Repräsentant auch für andere, nicht minder bedeutende da; die Bedürfnisse eines wissenschaftlichen Bildkataloges mußten dort zurücktreten, wo sie an Hand des zur Verfügung stehenden Materials die beabsichtigte Spontaneität des Gesamteindrucks beeinträchtigt hätten. Auch in den Aufnahmen selber wurden nicht immer die klassischen Regeln der archäologischen Photographie befolgt: so erlaubten wir uns, auch archaische Werke nicht durchweg in der strengen Vorder- oder Seitenansicht zu zeigen, schon um die stete Gleichförmigkeit, besonders bei sehr bekannten Stücken, zu vermeiden — schließlich handelt es sich um Vollplastiken, die auch kaum für die heute, natürlich nicht ohne Grund, sanktionierten Blickpunkte geschaffen, sondern in ihrer sakralen Bestimmung frei von bühnenmäßiger Wirkung waren. Möge so das Werk anderen vor allem etwas von dem geben, was sein Ausgangspunkt war: das Erlebnis der unversüßten, herben Schönheit und Größe dieser Blüte der Menschheit.
Martin Hürlimann