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EINE VORREDE AN DEUTSCHE LESER
T\er Deutsche liest nicht laut, nicht fürs Ohr, LJ sondern bloß mit den Augen: Er hat seine Ohren dabei ins Schubfach gelegt. Der antike Mensch las, wenn er las — es geschah selten genug —, sich selbst etwas vor und zwar mit lauter Stimme; man wunderte sich, wenn jemand leise las und fragte sich insgeheim nach Gründen "
,, Wie faul, wie widerwillig, wie schlecht liest der Deutsche! Wie viele Deutsche wissen es und fordern es von sich, zu wissen, daß Kunst in jedem guten Satze steckt — Kunst, die erraten sein will! Ein Mißverständnis über sein Tempo zum Beispiel: und der Satz selbst ist mißverstanden! Daß man über die rhythmisch entscheidenden Silben nicht im Zweifel sein darf, daß man die Brechung der allzustrengen Symmetrie als gewollt und als Reiz fühlt, daß man jedem staccato, jedem rubato ein feines geduldiges Ohr hinhält, daß man den Sinn in der Folge der Vokale und Diphthongen rät, und wie zart und reich sie in ihrem Hintereinander sich färben und umfärben können: wer unter bücherlesenden Deutschen ist gutwillig genug, solchergestalt Pflichten und Forderungen anzuerkennen und auf so viel Kunst und Absicht in der Sprache hinzuhorchen?
Friedrich Nietzsche: „Jenseits von Gut und Böse" pag. 218 und 219. (Der Übersetzer)