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Hans MeMLING wurde uns als altniederländischer Maler von den Romantikern des beginnenden 19.Jahrhunderts wiederentdeckt. Seitdem sind die Tafelmalereien des Meisters von den Kunstfreunden stets mit besonderer Freude betrachtet worden. Seine Eigenart kam dem romantischen Empfinden entgegen, und bis auf den heutigen Tag sind wir empfänglich geblieben für die Verhaltenheit seiner Bilder, die immer nur andeuten, niemals laut deklamieren. Memlings Kunst gibt keine Rätsel auf; das bloße Anschauen genügt, und man „versteht" den Künstler. Er erregt den Betrachter nicht, sondern er schlägt eine besinnliche Saite in ihm an; er ist kein Dramatiker, sondern ein Lyriker. Höchste Meisterschaft erreicht er in der Wiedergabe von Figurengruppen, deren grazile Erscheinungen in wortloser Übereinstimmung zueinandergefunden haben. Jede einzelne Person ist tief in sich versponnen; dadurch jedoch, daß ihre Seelen alle auf den gleichen Ton gestimmt sind, strahlt ihr Beieinander vollkommene Harmonie aus. Sie schöpfen die innere Beglückung, die ihre Gesichter leuchten läßt, alle aus derselben Quelle: aus einer unbedingten, frommen und reinen Gläubigkeit, die keinen Zweifel kennt. So stehen auf seinen Flügelaltären die Gestalten äußerlich oftmals nur sehr lose verbunden beieinander, ihre innerliche Gleichgestimmtheit jedoch erzeugt eine sehr ausgewogene, gleichmäßig zarte und festliche Stimmung. Dieser Besonderheit der Memlingschen Darstellungsgabe verdanken wir neben den großen Altären eine Reihe von halbfigurigen Madonnenbildnissen, deren Lieblichkeit und Süße in der Tafelmalerei des 15. Jahrhunderts nicht ihresgleichen hat. Selbst die zahlreichen Porträts, die wir von der Hand des Meisters besitzen, weisen trotz individueller Prägung einen ihnen gemeinsamen Zug von seelischer Ausgeglichenheit auf. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, daß Memling statt eines neutralen Grundes eine ruhige, sommerliche Landschaft hinter den Dargestellten ausbreitet und so die hervorgerufene Stimmung ausklingen läßt. Dieses Nicht-kennen von Kontrasten macht aus ihm dann, wenn er einen Zyklus als Thema hat, einen geruhsamen, liebenswürdigen Erzähler. Er schält auch dann nicht die dramatischen Höhepunkte heraus, sondern er lenkt das Augenmerk auf poesieerfüllte Vorgänge. So bleibt Memling im Grunde seines Wesens immer ein Andachtsmaler. Seine Kunst, die am Ausgang der Gotik steht, ist eine neogotische Nachblüte der feinsinnigen Andachtsmalerei vom Anfang des Jahrhunderts. Von allen Malern dieser Strömung innerhalb der Kunst des 15. Jahrhunderts vertritt Memling diese Stufe am ausgeprägtesten und konsequentesten; denn seine sämtlichen uns bekannten Werke, deren Zahl ungewöhnlich groß ist, tragen einheitlichen Charakter. Er bleibt für uns durch zweieinhalb Jahrzehnte fast durchweg derselbe. Sein Stil liegt von Anfang an fest. Wir wissen nichts vom Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit. Er tritt erst ans Licht, als er bereits ein Fertiger ist. Bis heute ist es der Forschung nicht gelungen, seinen Anfängen auf die Spur zu kommen. Nur soviel weiß man, daß seine künstlerische Heimat nicht zugleich die seiner Herkunft ist.
Von Geburt ist Hans Memling nämlich kein Niederländer, sondern ein Deutscher. Das Tagebuch des Notars der Kirche St. Donat zu Brügge vermerkt zum Jahre 1494, daß am 11. August der aus Mainz oder dem Mainzischen gebürtige „Magister Johannes Memmelinc" gestorben und in der Aegidiuskirche zu Brügge begraben worden ist. In dieser Nachricht wird er gefeiert als der hervorragendste und großartigste Maler der ganzen christlichen Welt. Das Brügger Bürgerbuch, in dem Memling 1465 zum ersten Male genannt wird, gibt uns jedoch noch genauere Kunde über seine Herkunft. Es nennt ihn: „Jan van Mimmelinghe, Harman Zuene. Gheboren Zaleghenstat . . .", und damit erhalten wir eine Geburtsortsangabe, nämlich Seligenstadt am Main, unweit von Aschaffenburg. Das Geburtsjahr des Meisters liegt jedoch nicht fest, wahrscheinlich wurde er zwischen 1430 und 1440 geboren. Ebensowenig läßt es sich bestimmen, wann und auf welchem Wege er in die Niederlande gekommen ist; daß er in der Werkstatt des 1464 verstorbenen Rogier van der Weyden in Brüssel tätig gewesen ist.