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Statt eines Vorworts: Kleist-Mythos und Kleist-Legende
Am 7. Oktober 1876 erschien in der nationalliberalen Berhner Wochenschrift „Die Gegenwart" ein salbungsvoll-bombastisches Huldigungsgedicht für Heinrich von Kleist; Verfasser war der chauvinistische Staats-Poet Ernst von Wüdenbruch; die Überschrift lautete: „Zum 10. Oktober 1876". Erst ein drei Wochen später in derselben Zeitschrift abgedruckter Leserbrief aus Frankfurt an der Oder, der Geburtsstadt des Dichters, machte die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, daß Kleists hundertster Geburtstag auf mehreren deutschen Bühnen und in verschiedenen Journalen ein Jahr und acht Tage zu früh gefeiert worden war. Ein doppelter Irrtum also, der einerseits auf Kleist selbst zurückgeht, der den 10. und nicht den im Kirchenbuch wie im Taufregister angegebenen 18. Oktober als den Tag seiner Geburt bezeichnet hat, und der zum anderen — was das falsche Geburtsjahr angeht — dem ersten biographischen Abriß geschuldet ist, den Ludwig Tieck auf Grund der spärlichen und vielfach ungenauen Überlieferungen, die ihm zu Gebote standen, seinen kritischen Betrachtungen über Kleists Werke vorangestellt hatte.
Obgleich seither unermüdlicher Forscherfleiß und philologischer Spürsinn manche Details der Kleistschen Biographie zu erhellen vermochten, liegen auch heute noch längere und kürzere Abschnitte dieses Lebens im dunkeln, und die Vermutungen der Biographen und Literaturgeschichtsschreiber blieben und bleiben nicht frei von Spekulationen, die zum Teil auf zweifelhafte Ansichten und Mutmaßungen der Zeitgenossen zurückgehen, von denen nur ganz wenige eine Vorstellung oder auch nur eine Ahnung hatten von der Größe des Kleistschen Künsdertums. So ist es zu erklären, daß viele Korrespondenzpartner des Dichters dessen Briefe nicht für aufhebenswert hielten. Die Familie aber tat alles ihr Mögliche, um das Andenken an den Außenseiter zu verdrängen oder auszulöschen.
Unverständnis oder Ratlosigkeit spricht aus den meisten zeit-