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Heller Klang aus dunkler Flöte [antikvár]

Adriaan M. de Jong

 
Die Hände in den Taschen seiner fadenscheinigen Joppe mit den ausgewachsenen Ärmeln und den blankgewetzten Ellbogen, schlenderte Mereyntje schleppenden Schritts zur Maasbrücke hinauf. Seit früh acht Uhr war er durch die Stadt gelaufen und hatte Arbeit gesucht. Doch niemand brauchte ihn. Einen ganzen Viertelgulden hatte er am Heringsfleet verdient: Fässer von einem Frachtkahn auf den Rollwagen verladen helfen. Es war eilig, und er hatte zugegriffen, ohne eigens dazu aufgefordert worden zu sein; der Schiffer hatte ihm trotzdem einen...
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Die Hände in den Taschen seiner fadenscheinigen Joppe mit den ausgewachsenen Ärmeln und den blankgewetzten Ellbogen, schlenderte Mereyntje schleppenden Schritts zur Maasbrücke hinauf. Seit früh acht Uhr war er durch die Stadt gelaufen und hatte Arbeit gesucht. Doch niemand brauchte ihn. Einen ganzen Viertelgulden hatte er am Heringsfleet verdient: Fässer von einem Frachtkahn auf den Rollwagen verladen helfen. Es war eilig, und er hatte zugegriffen, ohne eigens dazu aufgefordert worden zu sein; der Schiffer hatte ihm trotzdem einen Viertelgulden in die Hand gedrückt, und seine Frau war mit einer Schale Kaifee und zwei Käseschnitten aus der Kajüte gekommen. Auf einem Pfosten sitzend, hatte er die Brote verschlungen und hastig mit dem heißen Kaffee hinuntergespült. Der Geruch von Holzteer war erquickend gewesen, aber die widerliche Süße der Melasse hatte ihm Brechreiz verursacht. Mit kurzem Dank und Gruß war er rasch über die federnde Planke gelaufen, aus Furcht, daß ihm vor den Augen der fremden Leute übel würde. Die lärmende Geschäftigkeit in dem belebten kleinen Binnenhafen hatte ihn plötzlich betäubt; in seinem Schädel brauste es: ein dumpfes Getöse von holpernden Rädern auf dem Kopfsteinpflaster, das Klirren und Quietschen von Windenketten, verwehte Bruchstücke von Flüchen, Warnungen und rauhen Befehlen, grobe Stimmen und rohes Lachen. Taumelnd war er davongestolpert, kalten Schweiß auf der Stirn, und erst an der Löwenbrücke war die öbelkeit verflogen. Klar . . . ihm war vor Hunger schlecht geworden. Außer dem Käsebrot von der Schiffersfrau hatte er den ganzen Tag noch nichts gegessen. Seine Mutter würde ärgerlich sein: warum er nicht wenigstens ein paar Brote mitnehme, wenn er schon vorhabe, den ganzen Tag unterwegs ZU sein? Zu hungern brauche er doch nicht: Vater arbeite ja schließlich. Sein Viertelguldenstück würde sie auch nicht annehmen wollen. „Was soll ich denn damit?" - Er hörte schon ihre unwirsche Stimme und sah ihr brummiges Gesicht und die ärgerliche Bewegung, mit der sie die ewig widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr schob. und er lächelte ein wenig dabei. Sie hatte Sorgen genug, aber sie ließ sich nicht unterkriegen. Sie war in diesen Rotterdamer Jahren hart geworden, die Stimme barsch und die Bewegungen heftig. Doch er kannte sie: eine rauhe Schale, aber ein weicher Kern, und für ihre Kinder wie eine Glucke, wachsam, argwöhnisdi und herrsdisüchtig - und niemals dachte sie an sich selber. Seit drei Wochen lief er nun schon herum und suchte Arbeit. Sein Bruder Arjaan stand bei den Husaren in Den Haag. Sie lebten dürftig von Vaters Lohn. Aber seine Mutter hatte nur dann ein böses Wort für ihn, wenn er allzulange mürrisch dasaß, die Hände im Sdioß. Dann brachte sie ein paar Zigaretten oder eine Zigarre zum Vorschein, drückte sie ihm in die Hand und jagte ihn schimpfend zur Tür hinaus: „Duckmäuser, sitzt einem nur im Weg und madit einen nodi verrückt. Am Hafen ist Platz genug für so einen langen Lümmel!" Zu Hause könne sie ihn ebensogut entbehren wie Zahnschmerzen . . . Und wenn er dann über ihre großen Worte zu laciien wagte, schimpfte sie noch mehr und schlug die Tür mit einem lauten Knall hinter ihm zu, daß es durchs ganze Treppenhaus hallte und die Frau im ersten Stock mit ihren schwachen Nerven hinter dem Bügelbrett seufzte: „Mit den Brabantern ist es wieder mal nicht auszuhalten!" Nur das Heimkommen nach so einem vergeblichen Streifzug war schwer: Mutters gespielt gleichgültiger Blick; aber man sah, wie sie den ganzen Tag gehofft hatte, daß es diesmal glücken werde . . . Nichts . . . Ein unterdrückter Seufzer, ein ruhiges Wort: „Na, dann ein andermal " Aber es änderte nichts an der Qual, sich als Schmarotzer zu fühlen. Träge schlenderte er weiter über die Brücke, schon jetzt erfüllt von dem Widerwillen, zum soundso vielten Mal mit der gleicfien enttäu-sdienden Nachricht nach Haus zu kommen: nichts - wieder nichts . . . Wenn man hier so entlangging, dröhnte einem das nie abreißende Getrappel der vielen Fußtritte auf der hölzernen Brückendecke durcii die Gedanken, ein altvertrautes und doch fremdes Geräusch. Es ließ einen nicht mehr los, wenn man erst einmal anfing, darauf zu achten. Es ging auch nicht in den lauteren Geräuschen unter: dem Dröhnen der Trams und Rollwagen, dem Donnern des Zuges über die Eisenbahnbrücke, dem Zischen und Pfeifen der Schlepper auf dem Fluß. Dauernd dieses leichte, dumpfe Getrappel von Menschenfüßen auf den Planken . . . Vielleicht, weil man so müde und schlapp war Er hatte das Gefühl, als klopfe es in seinem Schädel statt auf der Brücken-decke . . . Er fröstelte in seiner dünnen Joppe. Doch kalt war es heute nicht. Die Sonne schien, und der Wind war lau. Einer der ersten Frühlings-

Termékadatok

Cím: Heller Klang aus dunkler Flöte [antikvár]
Szerző: Adriaan M. de Jong
Kiadó: Europäischer Buchklub
Kötés: Félbőr
Méret: 130 mm x 210 mm
Adriaan M. de Jong művei
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