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HENRI DE TOULOUSE-LAUTREC - LEBEN UND WERK
Ein schwerbehinderter Reichsgraf
Dieser Essay über Henri de Toulouse-Lautrec wurde 1981, im achtzigsten Todesjahr des Malers, beendet. Die UNO hatte es als Weltjahr der Behinderten proklamiert. Behindert im Sinne der gegenwärtigen Gesetze ist, wer infolge einer gesundheitlichen Schädigung körperlich, geistig oder seelisch im täglichen Leben wie in der Erwerbstätigkeit beeinträchtigt wird.
Kröners »Wörterbuch der Kunst« rühmt den Maler Henri de Toulouse-Lautrec kurz und bündig als meisterhaften Darsteller des Pariser Lebens, der Theater, Cafés und der Halbwelt und vor allem als Miterneuerer der Künstlerlithographie.
Im Nachruf der »Dépeche de Toulouse« vom 10. September 1901 schrieb der Freund Numa Baragnon: »Weil er klein, häßHch, paradox war . . . wurde er (in Paris) der Gefangene einer Formel. Die Bezeichnungen Gnom, Zwerg . . . flössen von selbst aus der Feder.« Der Maler hatte in jungen Jahren beide Beine gebrochen, die daraufhin nicht mitgewachsen waren. Er war 1,40 m groß, der normale Körper stand auf verkrüppelten Kinderbeinen.
Balzac meinte, daß der Ruhm keine weißen Schwingen habe. Mir scheint, daß man unterscheiden könnte: mit seinen weißen Flügeln verklärt er das Werk des Künstlers, mit seinen schwarzen verdunkelt er das Leben. So erging es auch Toulouse-Lautrec. Sein Leben wird beiseite gelassen oder versimpelt. Nach dem Tod schrieb der Vater an einen Freund: »Er machte niemandem Vorwürfe, obwohl er viel unter seinem Aussehen zu leiden hatte, vor dem die Menschen sich abwandten, im allgemeinen allerdings eher mitleidig als spöttisch.«' Toulouse-Lautrec war faktisch schwerkörperbehindert und auch seelisch betroffen im Sinne der UNO. Der Vergleich will nicht geschichtliche Befunde unangemessen aktualisieren, er möchte vielmehr helfen, Leben und Werk zu verstehen. Das Leiden des frühberufenen und frühvollendeten Malers hat sich im einen wie im anderen Bezug existentiell, daseinsverändernd ausgewirkt.