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Solange man nicht wußte, daß „Jhieronimus Bosch" bloß ein Künstlername war, war der Maler selbst eine Legende. Heute wissen wir zwar, daß sein Familienname van Aken lautete, daß sein Vater, Großvater und Urgroßvater Miniaturenmaler waren, daß der Künstler seine grundlegenden zeichne-rischen und malerischen Erfahrungen, ja selbst die erstaunlichsten Motive in der Werkstatt seiner Vorfahren gewann, allein das Geheimnis seines Werks bleibt weiterhin in der Sphäre einer legendären schöpferischen Tat.
Die Malerfamilie van Aken stammte aus Aachen, aber schon Urgroßvater Thomas verließ diese alte Krönungsstadt der römisch-deutschen Kaiser und schlug im Jahre 1426 in der Stadt's-Hertogenbosch - Herzogenbusch - in der Nähe von Utrecht sein Heim auf. Der ,,Busch" (eigentlich Wald) hat im 11. Jahrhundert sowohl der Stadt, als auch ihrem berühmten Sohn Jhieronimus van Aken den Namen gegeben, der hier -wahrscheinlich um das Jahr 1450 - als zweitgeborener Sohn seines Vaters Antonius van Aken zur Welt kam. 's-Hertogenbosch war wohl zu jener Zeit die Hauptstadt der nordbrabantischen Provinz, aber in künstlerischer Hinsicht war es noch lange Neuland. Es hat hier nie eine Malerzunft gegeben, und die örtliche Kathedrale, mit deren Errichtung im Jahre 1419 begonnen wurde, bauten Architekten, die von Stadt zu Stadt zogen. Aber an der Neige des i;. Jahrhunderts begann sich hier allerhand zu ändern. Die Einwohnerzahl stieg in den Jahren 1480—1526 von 2950 auf 4211 an. Die Stadt war größer als Amsterdam, überflügelte z. B. die nahegelegene Universitätsstadt Löwen, wo im Jahre 1475 der Maler Dirck Bouts starb, sowie das entlegene Delft, wo im selben Jahr der Meister der „Vlrgo inter Virgines" gestorben ist. Beide sind Vorgänger Boschs. 's-Hertogenbosch war zumeist eine Durchgangsstadt mit gut eingeführtem Transithandel. Sie lag auf dem Weg von Geldern nach Mechelen, und bald wurde sie eines der Zentren der Spätgotik. Im Zeichen dieses Stils wurde (1526) die hiesige Sankt-Johanns-Kathedrale, die größte Hollands, vollendet; derselben Ausdrucksweise bedient sich auch der akrobatische Pinsel von Hieronymus Bosch, der so scharf und schnell ist, daß er mit einem Schlag vom Lachen zum Weinen übergeht; unter demselben Zeichen steht auch die ganze Kultur der Stadt. 's-Hertogenbosch war einerseits eine Stadt mit eigener Mundart, die von authentischem Humor (Pirenne) durchsetzt war, und gerade hier wird oft der Schlüssel zu manchen burlesken Metaphern Boschs gesucht. Andererseits hatte die Stadt eine eigenständige Predigerschule. Hier schwelgte man in zweideutigen Bildern der Hölle und aller Sünden, und Bosch wurde verdächtigt, daß er sich bei manchen seiner Visionen z. B. von der sexuellen Imagination Alain de la Roches, eines fanatischen Dominikaners bretonischer Herkunft, inspirieren ließ, der als Prediger in der nächsten Umgebung der Stadt wirkte, die aber auch hervorragende Lehrer und Studenten anzog. So wirkte hier einer der Vorläufer der Ästhetik, der Kartäuser Dionysius (gestorben 1471), der große niederländische Theologe, der zugab, daß Schönheit auch in deformierten Formen erblickt werden könne - und es gibt keinen größeren Meister der Deformation als Bosch -; aber an der von ihm gegründeten Schule studierte in den achtziger Jahren auch Erasmus von Rotterdam, und der