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Boschs Weg
Denen, die das Malwerk Boschs erforschten, ist nur eins gelungen, so wechselvoll ihre Wege waren: sie haben seine Bilder genau geprüft und ausgeschieden, was ihnen zu schwach erschien, von der Person aber, die sie malte, nur wenig in Erfahrung gebracht. Man weiß nicht einmal, wann Hieronymus Bosch geboren wurde; erst neuerdings wurde ein Datum gefunden, das, obwohl noch nicht endgültig erwiesen, seither als das Geburtsjahr gilt: 1453. Hingegen ist verzeichnet, daß er 1516 in 'sHertogenbosch gestorben ist. In dieser kleinen nordbrabantischen Stadt hat er wohl die meiste Zeit gelebt, seit 1480 als Maler erwähnt, im folgenden Jahr verheiratet mit einer reichen Bürgerin der Stadt, in der Nähe auf einem von ihr eingebrachten Landgut lebend, und wieder ein paar Jahre später als Mitglied der »Bruderschaft Unserer Lieben Frau« genannt. Weitere Angaben solch ge-schäftHcher Art finden sich in kurzen Abständen genug. Dagegen nichts über Reisen oder Wanderschaft, weder in der Jugend noch später. Wohl aber entstammt Bosch einer schon seit zwei Jahrhunderten in 'sHertogenbosch erwähnten Familie, die van Aken hieß, also wohl von Aachen zugewandert war, und deren Häupter seit mehreren Generationen als Maler in der Stadt bekannt waren. So hat zumindest handwerklich seine Malerei ihre Familientradition, obwohl da nichts zu finden ist, was ihn auf seine eigene Phantasie hätte hinlenken können. Der Maler, der seine Werke, wenigstens die meisten, mit dem sorgsam und groß hingemalten »Jheronimus Bosch« bezeichnet hat, wollte, indem er den Familiennamen aufgab, wohl den Ort, den herzoglichen 'Bosch' besonders wichtig nehmen, aus dem er seinen neuen Namen bildete. Was aber war dieser Ort? Eine kleine, durch Tuch- und Metallmanufaktur bekannte Stadt, in der auch eine gotische, nach französischem Muster erbaute Kathedrale stand.
Sonst jedoch war sie durch nichts ausgezeichnet, weit abgelegen von den Hauptorten der großen niederländischen Malerei, Brügge, Löwen, Tournai, und was von ihr der Malerei hinzugefügt wurde, das begann erst mit Bosch. Es besteht kein Grund, aus der Abgelegenheit, in der Bosch tätig war, zu schheßen, sie allein hätte den Hebel geboten, daß ein so neuartiges, mit nichts in jener Zeit vergleichliches Werk
entstand. Denn nichts von provinziellem Starrsinn wird man in ihm finden. Der neue Blick Boschs war ernst, groß und sicher, dem Spott und der Ironie zu keiner Zeit fern. Auch wich er seiner Zeit niemals aus, so sehr er Phantasien erfunden hat, die wohl noch keinem zu Gesicht gekommen waren. Sie waren nichts als Gegenwart, und die Dämonenfurcht jener Jahrzehnte vor der Reformation fühlte sich in der Wirklichkeit auch durch solch phantastische Erfindungen von Teufelsspuk nur bestätigt. AUes, was Bosch sah, schien von dem, was die Leute meistenteils für real hielten, nur abzuweichen. Trotzdem war es nie ein Märchenreich, auch wenn vieles sich noch so sehr als Fabel und Schrecken gab. Was mau zu sehen bekam, hätte leicht als übertrieben und unwirldich gelten können, doch war es stets das Glück und das Unglück der Welt selbst, verborgen in einer Chiffrensprache, die ein Rätsel ans andere reiht, aber in ilirer Grundtönung dennoch durchschaubar wird und nie zweideutig bleibt. Also war er, so fabelnd er wirkt, Realist.
Was aber war es, womit Bosch, unter einer höchst fremdartigen Spielform, so realistisch umging? Es war weder ein Umsturz, den er anzukündigen schien, noch sahen seine Bilder eine in Sumpf und Gestrüpp verrottete Wildnis, in der schließlich die zu seiner Zeit noch verehrten Traditionen nur absterben konnten. Er war weder ein Ketzer noch einer, der der alten Devotion zufrieden anhing. Alle die niederländischniederdeutschen Bruderschaften (mochte er, wie Fraenger annahm, auch noch der vom »Freien Geiste« angehört haben) waren zwar unruhiges, vorrefor-matorisches Christentum, doch weniger auf Umsturz als auf Rettung der alten Kirche bedacht. Wodurch unterschied er sich von den wenigen Malern, die ihm verwandte Züge trugen, wie Geertgen tot sint Jans, dem Meister der Virgo inter virgines und Gerard David? Das ist die erste und wichtigste Frage. Diese alle blieben ikonographisch bei den üblichen Themen des Neuen Testaments; nur in der oft bedrückten, hintergründigen Gebärde wurden daraus andere Figuren als die statiösen oder eleganten der Brüder van Eyck, Rogiers van der Weyden und Memlings in den zu Ruhm gelangten Mittelpunkten der flämischen Malerei. Bosch tat mehr. Jene ganze Thematik selbst