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IR kreisen planetarisch um die unabsehbare Kugelgestalt des Geschichtlichen. Indem uns Lebende das Eigenleben treibt, sehen wir von unserer Bahn aus immer neue Werte und Formen. Was köstlich nah gewesen ist, versinkt im Westen, um einst im Osten wieder aufzutauchen. Unser Standort, von wenigen großen lebenden Künstlern in Bewegung erhalten, hat sich letzthin von der Renaissance entfernt und droht sich heute selbst den großen Niederländerzeiten zu entziehn. Noch die vergangene Generation des Impressionismus stand dicht bei diesen. Der Formschluß aber, die Macht der Prägung, die heute gewollt wird, zielt nach dem Mittelalter und aller primitiven Kunst. Hier finden die Religiösen unerschütterte Transzendenz, die Logischen offenliegende Klarheit der Formbezüge, die Triebmäßigen unentspannte Kraft der Auswirkung.
Das Amt des Historikers im Lebensganzen wird nun aber sein, alle Bewegungen nutzend mitzufühlen, ohne ihnen wie der Künstler zu verfallen. Im Gegensatz zu diesem hat er das Gedächtnis der Welt zu sein, und damit dem Beobachter das Ganze zu erhalten, jeweils diejenige Kugelhälfte zur Vorstellung zu bringen, die sich für einige Zeit in die Nachtseite dreht. So ist ihm für die Wertgeschichte, die er nun einmal schreiben muß, — alle Geistesgeschichte ist ja letztlich solche — der Zeitpunkt eher günstig, wo der Gegenstand bei voller Sichtbarkeit doch schon in einige Entfernung tritt. Solches Entfernen aber hat er schon öfter überdauert: schon das ausgehende 17. Jahrhundert wandte sich — französisierend — ab und fast das ganze achtzehnte war jenem holländischen Geist im Grunde fern. Erst die „Erneuerung" der Malerei im 19. Jahrhundert hat uns wieder in breitem Genüsse vorbeigeführt.
Der unvergängliche Wert dieser Malerei ruht in ganz andern Eigenschaften als den zuvor als „heutigen" genannten. Es ist das Jahrhundert der gelassenen Naturnähe und willensgelösten, selbstverständlichen Hingabe an die gesamte Wirklichkeit, ein völliges Auf- und Untergehen in ihr mit einem Minimum an Formel für das ewig Vielfältige. Man möchte durch das Kunstganze Achsen legen und die holländische Malerei als die eine Polzone erkennen: Gelassenheit statt Willensspannung, Wirklichkeitsfülle statt stilisierender Rückführung, Einfühlung statt Abstraktion, Hiesigkeit statt Transzendenz, Formimmanenz statt Formhervorkehrung. In dem ewigen Streite zwischen Natur und Prägung, den alle Kunst zu lösen unternimmt, hat diese Malerei sich auf die Seite der Wirklichkeit gestellt.
In dieser Stellung zur Sichtbarkeit nahm die holländische Malerei selbstverständlich Teil an dem Gesamtstand der abendländischen Kunst dieses Jahrhunderts. So verschieden die Malerei der damaligen Hauptbezirke, in Italien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden aussieht, — mit der Gesamtfreiheit war auch die größere Isolierung der Nationen verbunden — so ist als gemeinsamer Fortschritt über das 16. Jahrhundert doch vor allem der Raum zu nennen, in dem man selbstverständlich hatte schalten lernen. Ob wir dabei die Nahfigur vor einer Wand vorstellen, wie sie Velasquez so oft gab, oder die klare Weite Claudescher Landschaften oder die Raumverhüllung Rembrandtischer Schatteninterieurs: jede Nation hat hier die dritte Dimension als einen selbstverständlichen Wert zur Voraussetzung. Während diese im 15. Jahrhundert bei den Italienern und danach bei den Deutschen auf 1
1 Holländische Malerei