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Holle Kunstgeschichte [antikvár]

Holle Kunstgeschichte [antikvár]

 
Im Gegensatz zu den folgenden Abschnitten beschäftigt sich das erste Kapitel nicht mit der künstlerischen Entwicklung eines geographisch oder kulturell einheitlichen Raumes, sondern es ist ganz allgemein der » Vorgeschichtlichen Kunst« gewidmet. Das wesentliche Kennzeichen der vorgeschichtlichen oder prähistorischen Kulturen ist, daß sie noch jenseits der Schwelle stehen, die den Übergang eines Volkes zur Hochkultur markiert. Mit anderen Worten, daß sie in die Zeit vor dem Auftreten einer eigenen Schrift und damit einer gesicherten...
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Im Gegensatz zu den folgenden Abschnitten beschäftigt sich das erste Kapitel nicht mit der künstlerischen Entwicklung eines geographisch oder kulturell einheitlichen Raumes, sondern es ist ganz allgemein der » Vorgeschichtlichen Kunst« gewidmet. Das wesentliche Kennzeichen der vorgeschichtlichen oder prähistorischen Kulturen ist, daß sie noch jenseits der Schwelle stehen, die den Übergang eines Volkes zur Hochkultur markiert. Mit anderen Worten, daß sie in die Zeit vor dem Auftreten einer eigenen Schrift und damit einer gesicherten geschichtlichen Beschreibung gehören. Daraus aber folgt, daß wir die Eigenheiten einer vorgeschichtlichen Kultur - ihr technisches Können, ihr kulturelles Inventar, ihr soziales Gefüge und ihre geistige und religiöse Welt - allein aus den von den Archäologen erschlossenen Funden und Grabungsergebnissen rekonstruieren können. Es ist fast müßig zu sagen, wie lückenhaft damit letztlich unsere Kenntnisse bleiben müssen. Dies gilt im besonderen Maße für die geistigen und religiösen Vorstellungen, die sich - u. a. - in der Kunst der vorgeschichtlichen Kulturen niederschlagen. Der ursprüngliche Sinn der Kunstwerke, die mit ihrer Anfertigung verbundenen Ideen und Absichten können nur behutsam und oft nur unvollkommen erschlossen werden, indem man den historischen und kulturellen Bereich aufzeigt, in dem sie entstanden sind. Man bezeichnet die vorgeschichtliche Kunst oft als »unvollkommen und fremdartig, einseitig, arm und beschränkt, als eine Kunst im Halbschlaf, diktiert vom Kunstmüssen«. Gegen diese Wertung ist entschiedener Widerspruch am Platze. Eine solche Deklassierung wird der vorgeschichtlichen Kunst in keiner Weise gerecht, zeigen sich doch in ihr seit ihren Anfängen die Merkmale, die das Wesen eines Kunstwerkes ausmachen, nämlich in schöpferischer Gestaltung das Unbegreifliche in menschliche Dimensionen zu überführen, es gleichsam modellartig verständlich zu machen. Damit aber gehören zahlreiche Werke der vorgeschichtlichen Kunst zu den Meisterwerken der Menschheit schlechthin, nicht geschaffen »im Halbschlaf«, sondern geboren aus dem menschlichen Wollen, sich mit der Kunst eine neue geistige Dimension zu erschließen. Dieser Wesenszug tritt uns bereits deutlich in der ältesten Kunst überhaupt entgegen, in den Höhlenmalereien, Zeichnungen und Plastiken der eiszeitlichen Jäger Europas. Jahr-hunderttausende menschlicher Geschichte waren vergangen, bevor plötzlich und unvermittelt während der letzten Eiszeit die ersten Werke der bildenden Kunst auftreten, voll ausgebildet und ohne erkennbare Vorstufen. Weder aus dem Alt-paläolithikum (600 000-115 000 vor heute), der Zeit des Frühmenschen, noch aus dem Mittelpaläolithikum (115000 bis 35000 vor heute), der Zeit des Neandertalers, sind uns irgendwelche Zeugnisse der Kunst bekannt. Erst aus dem Jungpaläolithikum (35 000-10 000 vor heute), mit dem Auf: treten des Homo sapiens, finden sich in einer breiten Zone von Spanien und Frankreich bis nach Osteuropa die ersten Kunstwerke: auf der Iberischen Halbinsel und in Frankreich die faszinierenden Höhlenmalereien und Werke der Kleinkunst, in Mittel- und Osteuropa fast ausschließlich kleinfigu-rige Werke. Das verhältnismäßig späte Auftreten der Kunst ist historisch aus dem Werdegang der eiszeitlichen Menschheit begründbar. In der allmählichen Entfaltung der Herstellungstechniken der Steinwerkzeuge, in ihrem allmählich immer breiter werdenden Typenreichtum, in der Beherrschung des Feuers wird eine aufsteigende Linie des geistigen Vermögens des Menschen sichtbar, sich mit immer besseren und neuen Hilfsmitteln und Techniken der Natur zu stellen und sich zu behaupten. Diese fortschreitende technische Entwicklung führt während der letzten Eiszeit im europäischen Raum zu hochspezialisierten Jägergruppen, die über Fernwaffen, wie Pfeil und Bogen, Wurfspeer und Harpune, verfügen und die sich zeltarrige feste Behausungen errichten oder natürliche geschützte Stellen, wie den Vorraum einer Höhle oder den Raum unter einem Felsdach, zu Wohnzwecken herrichten. Diese damit gewonnene Überlegenheit über die Natur und über die Umwelt läßt den Menschen seine Distanz zu der ihn umgebenden Welt immer deutlicher kennen, mit anderen Worten, immer bewußter stellt er das eigene Ich dem Objekt gegenüber. Nur aus dieser hier kurz skizzierten Entwicklung des menschlichen Bewußtseins, die den Menschen immer mehr seine Sonderstellung in der Natur erkennen läßt, ist das Phänomen der Entstehung der Kunst zu begreifen. In der ersten bildmäßigen Fixierung eines Objektes kommt das bewußte Wollen des Menschen zum Ausdruck, das Fremde, Unverständliche in seinen wesensmäßigen Zügen zu erfassen und zu begreifen. Dieser entscheidende historische Schritt konnte aber erst, nach allem, was wir bisher von der Entwicklung der vorgeschichtlichen Menschheit wissen, in der hochspezialisierten Jägerkultur Europas während der letzten Eiszeit getan werden. Daß dies geschah, ist sicherlich das Verdienst eines einzelnen, genialen Menschen; daß aber das damit Gewonnene in relativ kurzer Zeit zum Allgemeingut wurde, erhellt die sich im Kulturbild dieser Zeit spiegelnde geistige Aufgeschlossenheit der europäischen Jägergruppen dem Neuen gegenüber.

Termékadatok

Cím: Holle Kunstgeschichte [antikvár]
Kiadó: Karl Müller Verlag
Kötés: Fűzött keménykötés
Méret: 230 mm x 310 mm
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