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Sünde - ein vergessenes Wort unserer Sprache (Vorwort)
Das Wort „Sünde" gehört zu den Worten unserer Sprache, die, wie es scheint, langsam in Vergessenheit geraten. Die es noch kennen, vermögen häufig nicht genau zu sagen, was sie damit meinen. Es hat etwas mit der Kirche zu tun, mit der Bibel, manche denken an Sexualität, einige wohl auch an primitive Religionsformen und die dort vorfindbare Anbetung von Götzen. Fast immer ist „Sünde" ein moralischer Begriff. Aber kaum einer denkt an sein eigenes Leben, an den Tagesablauf im Arbeitsprozeß, im Büro, in der Schule, im Geschäft und auf der Straße, kaum einer denkt an die Hausgemeinschaft und seine eigene Familie, allenfalls an Verkehrssünder und den Sündenbock. Auch in der Kirche gibt es eine Scheu, von Sünde zu sprechen, vor allem unter den Jüngeren. Viele sprechen lieber von Schuld. Und doch werden wir kaum übersehen können, daß Jesus gekommen ist, uns von der Sünde zu befreien (Matth, i, 21). Ist es vielleicht deswegen gerechtfertigt, die Sünde nicht so ernst zu nehmen, weil er sie überwunden hat? Genügt es, sie mit einem „kurzen scharfen Seitenblick" gelegentlich zu fixieren? Sünde ist ein bemerkenswert blutleeres Wort geworden. Es wird um so bedeutungsloser, je ferner es der Praxis des Lebens rückt. Wohl wissen wir: Wir werden schuldig, wir versagen, wir reden und handeln aggressiv. Aber dafür finden wir gute Gründe. Vielleicht wissen wir auch etwas von der Urgewalt des Bösen, von der Brutalität des Gewissenlosen, von der Infamie des Zynikers. Aber davon sind wir selbst doch weit entfernt. Das ist doch nicht unser Leben.
Hannah Ahrendt hat den Prozeß Adolf Eichmanns, des Hauptverantwortlichen für den millionenfachen Judenmord während des sogenannten Dritten Reiches, in Jerusalem beschrieben. Ihr Bericht läßt die Frage entstehen, ob wir selbst wirklich Grund haben, den Hinweis auf das Böse in unserem Leben so entrüstet von uns zu weisen. Sie stellt in Adolf Eichmann die Banalität des Bösen dar, den gewissenlosen Judenmörder als biederen Schreibtischbeamten, der erschütternd alltäglich nur seine Pflicht tut und was man ihm aufgetragen hat. Und in dieser Darstellung entlarvt sie Tugenden wie Pflichtbewußtsein und Gehorsam als mögliche Brutstätten kapitalen Verbrechens. Wenn doch Eichmann die teuflische Erscheinung gewesen wäre, die alle Welt in